Handbuch 5. Auflage
324 Mecheril · Plößer aktiven Unterstützung von Subjektivierungswei- sen, die als sozial problematisch markiert werden“ (Kessl /Otto 2010, 1079), beschreibt, kommt die Aufgabe zu, die als „anders“ oder als „problema- tisch“ markierten Subjekte anzupassen und letzt- lich zu einer Normalisierung und Homogenisie- rung der Bevölkerung beizutragen. Die Frage, ob und wie die als Abweichung in den sozialarbeiteri- schen Blick kommenden (Differenz-)Phänomene thematisch werden, hängt wiederum mit weiterge- henden Unterscheidungen zusammen. So ist die Orientierung an Differenz in der Sozialen Arbeit immer auch mit einer Fokussierung bestimmter Differenzlinien (z. B. Migration, Jugend, Kinder- armut) und einer Ausblendung anderer Differenz- kategorien (z. B. Klasse oder Sexualität) verbun- den. Die Soziale Arbeit kann mithin als Instanz ver- standen werden, die durch den gleichsam doppel- ten Bezug auf Differenz – im Sinne einer episte- mischen Grundorientierung auf Andersheit und im Sinne eines praktischen Umgangs mit dieser Andersheit – Adressaten und Adressatinnen diffe- renzierend ordnet und diese als normal oder eben als anders (re-)produziert (Plößer 2010). Das heißt, Soziale Arbeit ist als „Normalisierungsmacht“ (Maurer 2001, 125) in historisch wechselnden Fo- kussierungen auf je unterschiedliche „Andere“ be- zogen und bringt diese „Anderen“ als Andere im- mer auch hervor. Auf der anderen Seite dienen diese Klassifizierungen und Markierungen nicht allein der normalisierenden Anpassung, sondern sie stellen auch den notwendigen Rahmen dar, um fehlende Ressourcen, Diskriminierungen und Be- nachteiligungen der Adressaten und Adressatinnen problematisieren zu können. Der Bezug auf die gesellschaftlichen Differenzordnungen wie „männ- lich“, weiblich“, „Migrationshintergrund“, „kein Migrationshintergrund“ ist für die Soziale Arbeit unverzichtbar, will sie Ausschlusserfahrungen und Benachteiligungen thematisieren oder sich für die Minderung der Auswirkungen gesellschaftlicher Differenzierungspraxen einsetzen. Soziale Arbeit ist damit zum einen: Die Ermögli- chung von Handlungsfähigkeit durch beispiels- weise die Problematisierung gesellschaftlicher Ausschlüsse oder durch die Eröffnung von Zu- gangsmöglichkeiten zu Ressourcen und Partizipa- tionsmöglichkeiten. Und Soziale Arbeit ist auch eine „Disziplinierungsmacht“ (Stehr 2007), da die Unterscheidung der Adressaten und Adressa- tinnen entlang von Normalitätsmodellen ge- schieht und der Anspruch auf Unterstützungsleis- tungen mit Rückgriff auf die (Aktivierungs-) Bereitschaft der Adressaten und Adressatinnen (Kessl 2005) vorgenommen wird oder davon ab- hängig gemacht wird, ob diese als „eigene“ oder als „fremde“ Hilfsbedürftige (Mecheril /Melter 2010) gelten. Differenz als Vielfalt der Lebenswelten Neben der Thematisierung von Differenz als wider- sprüchlicher „Motor“ einer sich Ende des 19. Jahr- hunderts entwickelnden Sozialen Arbeit, lassen sich seit den 1980er Jahren Ansätze finden, die Differenz verstärkt als Ausdruck für Vielfalt und Heterogenität verstehen bzw. den Eigensinn und die Unterschied- lichkeiten der Lebenswelten hervorheben (Hahn 2007; Böhnisch et al. 2005). So wird die Soziale Ar- beit seit den 1990er Jahren durch solche Ansätze herausgefordert, die auf die sog. Heterogenität oder vielleicht angemessener: Vielheit von Lebenswelten aufmerksam machen. Durch gesellschaftliche Ent- wicklungen wie der Pluralisierung und Individuali- sierung von Lebenslagen wie auch durch Flucht- oder Migrationsbewegungen – so die Vertreter und Vertreterinnen dieses Diskurses – differenzieren sich die Lebenswelten der Adressaten und Adressatinnen immer weiter aus und lassen sich Prozesse einer kul- turellen Pluralisierung sowie eine Vermischung und Vervielfältigung von Denk-, Gefühls- und Hand- lungsmustern beobachten. Unter Bedingungen der Diversifizierung von Lebenslagen und Lebens- modellen habe es sozialpädagogisches Handeln des- halb zunehmend mit vielfältigen Differenzlinien in ihren jeweiligen kontextspezifischen Verknüpfungen zu tun. Zugleich werde durch die Ausdifferenzierung der Lebenslagen und durch das Brüchigwerden tra- dierter Muster und Biographieverläufe ein erhöhter Orientierungs- und Beratungsbedarf entstehen, auf den die Soziale Arbeit mit ihren Angeboten zu ant- worten habe (Böhnisch 2005; Thiersch et al. 2005). Differenz erweist sich imRahmen dieser eher lebens- welttheoretisch angelegten Thematisierungen nicht mehr als das besondere Andere, sondern als all- gemeines Kennzeichen sich differenzierender und pluralisierender Lebenswelten.
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