Handbuch 5. Auflage

Diversity und Soziale Arbeit 325 Differenz als Ausdruck einer machtvollen Differenzordnung Seit Ende der 1970er Jahre wurde die Soziale Ar- beit – insbesondere durch feministische, interkul- turelle und integrative Ansätze – auf die ausgren- zenden und normierenden Aspekte von solchen Traditionen Sozialer Arbeit aufmerksam gemacht, die gesellschaftliche Differenzverhältnisse nicht systematisch berücksichtigen. Eine Soziale Arbeit, die bestehende Differenzen ihrer Adressaten und Adressatinnen ausblende – so die kritische Ana- lyse – vernachlässige nicht nur die mit diesen Dif- ferenzkategorien verbundenen ungleichen Lebens- bedingungen, sondern reproduziere diese sogar noch. Mit der Unterstellung der Gleichberechti- gung aller Klienten und Klientinnen der Sozialen Arbeit werde also verkannt, dass diese aufgrund ungleicher kultureller oder lingualer Ressourcen, in die Körper eingeschriebener Selbstverständnisse oder Empfindsamkeiten in vielfältiger Weise von den Angeboten Sozialer Arbeit ausgeschlossen wer- den – und dies ohne ein einziges formelles Zu- gangsverbot. Die Hinweise auf die Unzulässigkeit der Ausblendung von Differenzkategorien, wie auch auf die mit den Kategorien einhergehenden gesellschaftlichen Benachteiligungen, haben die Soziale Arbeit seit den 1980er Jahren nachhaltig beeinflusst. Allerdings drohen die hier skizzierten macht- und ungleichheitsanalytischen Thematisierungen von Differenz im Kontext post-wohlfahrtsstaatlicher Transformationen immer wieder aus dem Blick zu geraten (vgl. z.B. die Beiträge in Kessl et al. 2007). Was ist „Differenz“? Mit Helma Lutz und Norbert Wenning (2001, 21) können Differenzen als „Resultate sozialer Kon- struktionen“ verstanden werden, die sich in kör- perorientierte Differenzlinien (z. B. Geschlecht, Sexualität, „Rasse“ /Hautfarbe, Gesundheit und Alter), in (sozial-)räumliche Differenzlinien (z. B. Klasse, Nation / Staat, Ethnizität, Sesshaftig- keit /Herkunft, Kultur, Nord-Süd /Ost-West) und in ökonomisch orientierte Differenzlinien (z. B. Klasse, Besitz, Nord-Süd /Ost-West, gesellschaftli- cher Entwicklungsstand) einteilen lassen. Diese Differenzlinien fungieren als soziale Ordnungs- kategorien entlang derer Individuen sozial positio- niert werden bzw. sich selber entlang dieser Kate- gorien positionieren. Candace West und Sarah Fenstermaker (1995) sprechen hier auch vom „doing difference“ als einem Prozess, durch den Individuen sich durch Rückgriff auf unterschiedli- che Kategorien wie „Kultur“ oder „Geschlecht“ darstellen bzw. entlang dieser Kategorien Zuschrei- bungen erfahren. Als am „doing difference“ aktiv Beteiligte können sich die Subjekte zu den Diffe- renzlinien verhalten, sie können Differenz-Zuord- nungen in Frage stellen, erweitern oder bestätigen. Allerdings sind die Handlungsspielräume der Sub- jekte nicht unbegrenzt und frei, sondern vorstruk- turiert und in normative Ordnungen eingelassen. Differenzordnungen Insofern mit der sozialen Unterscheidungspraxis, dem „doing difference“, immer auch aufgrund vor- gängiger Unterscheidungspraxen erzeugte Normen und Logiken Bezug genommen wird, ist es sinnvoll von Differenzordnungen zu sprechen. Differenz- ordnungen ergeben sich dadurch, dass die Diffe- renzlinien einer binären Ordnungslogik folgen. Dabei können drei zentrale Machtaspekte benannt werden, die den Umgang mit und den Bezug auf Differenzordnungen kennzeichnen und die im Zuge der Debatten um Differenz als Ungleichheit kritisch herausgestellt wurden (Mecheril 2008). Differenzordnungen sind erstens machtvoll, weil jede Subjektwerdung immer im Rahmen vorgängi- ger Differenzordnungen stattfindet. Das heißt, Differenzordnungen führen dazu, dass Individuen als z. B. Männer und Frauen, Arbeitslose oder Be- schäftigte, Gesunde oder Behinderte angesprochen werden und durch diese Ansprachen geordnet, dis- zipliniert, sozialisiert, eben als Subjekte, als Männer oder Frauen, Gesunde oder Behinderte hervor- gebracht werden. Für die Soziale Arbeit ergibt sich daraus die Konsequenz, sich als (Re-)Produzentin solcher Differenzordnungen zu begreifen und die möglichen Folgen durch sozialpädagogische Anru- fungen der Individuen kritisch-reflexiv zu beden- ken. Differenzen sind zum zweiten machtvoll, da diese in Ordnungen eingelassen sind, in denen be- stimmte Identitätspositionen politisch und kultu- rell gegenüber anderen Identitäten privilegiert sind.

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=