Handbuch 5. Auflage

Drogen, Drogenkonsum und Drogenabhängigkeit  335 Amphetaminen definiert“ (EBDD 2004, 50). Da aber in Deutschland ausdrücklich auch Cannabis- konsum mitberücksichtigt wird und hier proble- matischer Konsum nicht aufgrund des Abhängig- keitspotenzials (wie bei Heroin, Kokain und Amphetaminen) definiert wird, sondern aufgrund von Konsumeinheiten (40-mal jährlich bzw. 3,3- mal monatlich), ist der Anteil des problemati- schen Konsums naturgemäß höher. Jenseits der Diskussion um das Phänomen des „problematischen Konsums“ stellt der DBDD für die Altersgruppe von 18–64 Jahre fest, dass die 12 Monatsprävalenz für illegale psychoaktive Sub- stanzen in 2007 ca. 2,6Mio. beträgt, insofern hat diese Zahl sich seit 2003 nicht wesentlich verändert (Pfeiffer-Gerschel et al. 2008, 56). Zur Pharmakodynamik von Cannabis, Kokain und Heroin Die Wirkstoffe von Cannabis, Kokain und Heroin entfalten sich im Wesentlichen im zentralen Ner- vensystem. Der Wirkstoff von Cannabis ist das THC (Tetrahydrocannabinol), Kokain wird aus Cocablättern gewonnen und weist als weitgehend reines Kokain-HCL einen Wirkstoffanteil von bis zu 90% aus. Straßenkokain hat zurzeit einenWirk- stoffanteil von 33%. Opium wird aus den Kapseln des Schlafmohns gewonnen; Heroin ist ein halb- synthetisches Opiat, das durch chemische Modifi- kation des Morphins hergestellt wird. Die rauschinduzierenden Wirkstoffe von Canna- bis, Kokain und Heroin können nur deshalb im zentralen Nervensystem ihre Wirkungen entfalten, weil sie nach deren Resorption auf körpereigene Botenstoffe treffen. Diese, auch Neurotransmitter genannten Botenstoffe, leiten im Organismus in besonderer Weise pharmakinetische Prozesse ein und vermitteln ein Gefühl von Freude, Erregung, Euphorie und dergleichen und können auch zur partiellen Stress- und Schmerzregulierung beitra- gen. Neurotransmitter und von außerhalb zugeführte psychoaktive Substanzen funktionieren im Ver- hältnis zueinander nach dem Schlüssel-Schloss- Prinzip. Die zu Heroin „passenden“ Neurotrans- mitter sind im Wesentlichen Endorphine und Enkephaline. Diese sind im Organismus u. a. für die Regulierung von Schmerz und Stress zustän- dig und regeln die Atemfrequenz und euphorische Zustände. Kokainrezeptoren sind vor allem Nor- adrenalin und Dopamin; sie sind im Organismus zuständig zur Regulierung von Euphorie, Sinnes- wahrnehmung, Selbstwertgefühl (Julien 1997, 7 ff.). Die Rezeptoren der Cannabis-Wirkstoffe THC sind Anandamid und – indirekt – auch Dopamin. Beide Transmitter tragen dazu bei, Euphorie, Entspannung und Wahrnehmung von Umweltreizen zu steuern. (Julien 1997) Noradrenaline Bahnsysteme befinden sich vor al- lem im Hirnstamm und im lymbischen System, dopaminerge Bahnsysteme sowohl im lymbischen System als auch in der Großhirnrinde. Serotonin kommt in größeren Mengen im Hirnstamm, aber auch im lymbischen System und im Hypothola- mus vor. Endorphine und Enkephaline sind so- wohl im Rückenmark, im Hirnstamm und im lymbischen System verankert, während Aman- damidrezeptoren im Hippocampus, im Hypotho- lamus und im Cerrebellum angesiedelt sind. Die von außen zugeführten psychotropen Wirkstoffe lassen prinzipiell keine neuen Reaktionen im Or- ganismus entstehen, sie verändern jedoch deren ab- laufende Vorgänge und potenzieren sie. Der Konsum von Cannabis und Kokain führt so dazu, dass der Organismus ein hohes Maß an Sero- tonin, Dopamin bzw. Anandamid ausschüttet und so das Besondere des Cannabisrausches bzw. Ko- kainrausches erfahren lässt. Die Ausschüttung er- folgt über den sogenannten synaptischen Spalt, ist jedoch zeitlich limitiert und insofern auch rever- sibel. Dieser Vorgang kann nicht beliebig wieder- holt werden, eine physische Zustandsveränderung im Organismus erfolgt in der Regel nicht. Im Verändern des biophysiologischen Zustands des Individuums und im Verhalten der Neuro- transmitter Endorphine und Enkephaline liegt der wesentliche Unterschied beim Zustandekom- men einer über den aktuell erzeugten Heroin- rausch hinaus sich entwickelnden Heroinabhän- gigkeit. Heroin blockiert die Neurotransmitter Endorphine und Enkephaline in ihrer Wirkung und nimmt eine Stellvertreterfunktion für beide ein. Dies führt bei permanentem Konsum dazu, die Funktion beider Neurotransmitter – für Stress- und Schmerzregulierung zu sorgen – er- heblich einzuschränken. Die Folge ist nun, dass der Organismus das Heroin benötigt, um sein bio-physisches Gleichgewicht aufrechtzuhalten.

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