Handbuch 5. Auflage

Empowerment 359 men werden kann. Es geht im Unterschied zu an- deren Strategien der Machtgewinnung jedoch nicht darum, die Interessen einzelner Gruppen über die anderer zu stellen. Das Ziel ist es nicht, diejenigen, die Macht über andere haben, aus- zutauschen. Bisher unterdrückte Gruppen sollen nicht Macht über ihr eigenes Leben erhalten, um anderen die Möglichkeiten zu entziehen, ihr Leben selbst gestalten. Vielmehr wird angestrebt, dass alle ihr Leben in Eigenverantwortung gemeinsam mit anderen gestalten können. Dies ist eine zentrale Perspektive des Empowerment. Empowermenttheorie und ihre Handlungsrelevanz Empowerment ist also ein multidimensionaler An- satz, der auf die Zunahme von Einfluss auf und Macht über das eigene Leben zielt, dabei aber keine eindeutigen und überall anwendbaren Handlungs- strategien formulieren kann. Kann die psychosoziale Arbeit, die eine immer ausgeprägtere Programmori- entierung entwickelt (kritisch hierzu Otto et al. 2009), sich noch auf eine solche Vagheit, wie sie dem Empowermentansatz inhärent ist, einlassen? Bei all der Offenheit in der Umsetzung der theo- retischen Überlegungen zu Empowerment lassen sich trotzdem bestimmte Formen professionellen Handelns und die Konzentration auf bestimmte Themen als hilfreich für Empowerment beschrei- ben. Eine konsequente Orientierung an den Res- sourcen der Adressaten gehört ebenso dazu wie Netzwerkarbeit, die Thematisierung von Wider- sprüchen und Ambivalenzen, die Verknüpfung des Individuums mit der gesellschaftlichen Ebene sowie die Förderung der Beteiligung (Rappaport 1987; Keupp 1998; Zimmerman 2000; Lenz 2002; Theu- nissen 2007). Hur (2006) schlägt folgendes Modell als Quintessenz der verschiedenen Konzeptionalisie- rungen von Empowerment vor: Der Prozess des Empowerments ist in fünf Stufen zu beschreiben. Er beginnt mit einer bestehenden sozialen Störung, dem Ausgegrenztsein Einzelner oder ganzer Grup- pen. Der zweite Schritt besteht darin, sich dieser sozialen Ungleichheit bewusst zu werden, ganz im Sinne des „Konzepts der Bewusstseinsbildung“ von Freire. In der dritten Phase kommt es zu einer Mo- bilisierung gemeinsamer Interessen, um an den als unbefriedigend erkannten Verhältnissen etwas zu ändern. Der Einfluss auf das eigene Leben wächst durch die gemeinsame Aktion mit anderen. In der vierten Phase findet der Umschwung von gemein- samer Aktion in eine Veränderung der Umstände statt. Und in der fünften Phase verändern sich tat- sächlich bestehende Institutionen, Benachteiligun- gen werden abgebaut und eine neue soziale Ord- nung entsteht. Damit diese fünf Phasen durchlaufen werden können, sind Empowermentprozesse so- wohl auf der individuellen ( psychological empower- ment ) als auch auf der kollektiven Ebene erforder- lich. Psychological Empowerment richtet sich darauf, wie Menschen über sich selbst denken, wel- ches Wissen, welche Möglichkeiten, welche Fertig- keiten und welche Macht sie in Bezug auf ihr eigenes Leben haben. Die in dem Modell von Hur genann- ten vier Komponenten des individuellen Empower- ments ( meaning, competence, self-determination, im- pact ) entsprechen in etwa denen, die Antonovsky (1997) als die drei zentralen Dimensionen des Kö- härenzsinns beschrieben hat: Handhabbarkeit, Ver- stehbarkeit und Sinnhaftigkeit. Auf kollektiver Ebene ist Empowerment gekennzeichnet durch Zu- gehörigkeit, Involviertheit sowie Kontrolle über die Gestaltung der Community und Gemeinschaftsbil- dung (Hur 2006, 536). Wesentlich für die Reflexion der Handlungsstra- tegien ist die Unterscheidung in drei unterschied- lichen Fokussierungen des Empowerments: psy- chologisches bzw. individuelles Empowerment, empowernde Organisationen und empowerte Organisationen (Zimmerman 2000). Individuelles Empowerment lässt sich durch den Aufbau sozialen Kapitals fördern. Die Beteiligung in entsprechenden Gruppen verringert den Ein- druck eigener Einflusslosigkeit und eröffnet die Möglichkeit, neue Handlungskompetenzen zu er- lernen, das Gefühl sozialer Zugehörigkeit zu ent- wickeln, das Vertrauen in die Beeinflussbarkeit der eigenen Lebensumstände zu stärken und die eigenen Lebensbedingungen zu verbessern (Zim- merman 2000, 47). Die Förderung von Partizipa- tion stellt somit einen wesentlichen Bestandteil von Empowermentstrategien dar. Empowernde Organisationen sind nach Zimmer- man solche Organisationen, die Einzelnen wieder zu mehr Einfluss auf ihr Leben verhelfen, indem sie an- regen, Lebensbedingungen kritisch zu reflektieren und gemeinsam mit anderen Interessen zu vertre- ten.

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