Handbuch 5. Auflage

360 Seckinger  Empowerte Organisationen sind solche, die politi- sche Entscheidungen erfolgreich beeinflussen und Alternativen zu bestehenden sozialstaatlichen An- geboten entwickeln und einsetzen. Die Empowermentheorie regt somit trotz ihrer Unschärfe zur konkreten Ausgestaltung psycho- sozialer Arbeit an. Im Folgenden wird auf vier As- pekte etwas genauer eingegangen. Was folgt daraus für die Praxis? (1) Empowerment als Ziel – das verdeutlichen so- wohl die Definitionen als auch die historischen Bezüge – erfordert eine Neujustierung des Ver- hältnisses von Fachkraft und Adressat. Dass sich der Adressat der fachlichen Autorität unterordnet, widerspricht den Grundannahmen des Empower- ments. Denn ein solches Verständnis von Exper- tenschaft verhindert oder erschwert Beteiligungs- prozesse von Adressaten (Pluto / Seckinger 2008). Einfluss auf das eigene Leben zu erlangen, die Fä- higkeit zur kritischen Reflexion gesellschaftlicher Prozesse und Zugang zu Ressourcen zu gewinnen, lässt sich nicht erreichen, wenn man den Vorgaben und Zuschreibungen von Experten folgt (zu Labe- ling-Effekten siehe Keupp 2010). Fachkräfte sind gefordert, sich als Moderator und Katalysator von Prozessen der Selbstbemächtigung zu verstehen und nicht als Experten, die eine passende Lösung anbieten können. Notwendig wird somit eine pro- fessionelle Haltung, die geprägt ist vom Respekt gegenüber anderen Lebensentwürfen, von der An- erkennung des Eigensinns der anderen und der Aushandlung als dem wesentlichen Modus psy- chosozialer Arbeit. (2) Die Empowermentperspektive setzt wesentliche Impulse für eine Überwindung der immer wieder erlebten Hilflosigkeit des eigenen professionellen Handelns. Denn wenn nicht mehr das Erreichen eines unabhängig von den Adressaten definierten Zieles im Vordergrund psychosozialen Handelns steht, sondern die gemeinsame Suche nach Wegen, wie der Einfluss auf das eigene Leben und der Zu- gang zu Ressourcen vergrößert werden kann, dann wird psychosoziale Arbeit tatsächlich zur Kopro- duktion. Die Verantwortung für Erfolg und Miss- erfolg kann nicht mehr der einzelnen Fachkraft al- leine zugewiesen werden. Vielmehr ergeben sich neue Handlungsmöglichkeiten, wie man Adressa- ten in ihrem Bestreben, eine autonome Lebens- führung zu erreichen, unterstützen kann. (3) Die Verbesserung des Zugangs zu Ressourcen erfordert ein Agieren der Fachkräfte auf unter- schiedlichen politischen Ebenen. Empowerment drückt sich nicht in einer verbesserten Adaption der Adressaten an bestehende gesellschaftliche Be- dingungen aus. Für die Fachkräfte bedeutet dies, die Strukturen sozialstaatlicher Angebote kritisch zu hinterfragen, gemeinsam mit Adressaten Alter- nativen zu entwickeln und gesellschaftliche Aus- grenzungsprozesse zu benennen und zu bekämp- fen. Soziale Arbeit ohne ein politisches Mandat kann ihrem Auftrag aus der Empowermentper- spektive nicht gerecht werden. (4) Bestehende Ausbildungsgänge für das Feld der psychosozialen Arbeit müssten hinsichtlich ihres Beitrags zu den Fähigkeiten der zukünftigen Fach- kräfte überprüft und entsprechend verändert wer- den. Vermittelt werden müssen eine kritische Re- flexion der jeweils spezifischen Lebensverhältnisse und ihrer Bedingungen, ein Verständnis für die wechselseitige Beeinflussung von Individuum und Gesellschaft, Anregungs- und Förderungsmöglich- keiten von Beteiligungsprozessen und die Ver- knüpfung der individuellen, der sozialen und der gesellschaftlichen Ebene. Einwände gegen das Empowermentkonzept Im Folgenden werden die wichtigsten kritische Einwände zur Empowermenttheorie skizziert. (1) Die Betonung von Konzepten wie Mastery, Kontrolle, Wirksamkeit, wie sie vor allem – aber nicht nur – in der US-amerikanischen Literatur zu Empowerment zu finden ist, wird bereits seit Lan- gem als ein sehr individualistischer und konkur- renzorientierter Ansatz kritisiert (Riger 1993). An- schlussfähig an diese Kritik sind auch die Stimmen, die das aktive und kompetente Subjekt betonen, welches in der Lage ist, Einfluss auf seine Lebens- führung zu nehmen. Eine Nähe zu neoliberalen Konzepten der Aktivierung von Bürgern anstelle der gesellschaftlichen Verantwortung für die Min- derung von Leid und Ausgrenzung wird gesehen (Quindel / Pankofer 2000). Die vielfach anzutref- fende Fokussierung auf die individuelle Ebene von Empowerment birgt die Gefahr, dass Empower-

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