Handbuch 5. Auflage

366 Oerter  Schimpansen bereits sprachliche Begriffe für vorstellendes Denken einsetzen können), die Her- stellung von Werkzeugen mit vielen Planungs- schritten und damit der Fähigkeit zum Bedürfnis- aufschub, die mentale Zeitreise und die so gewonnene Zeittiefe, die Gegenstände zu über- dauernden Werkzeugen macht, sowie Aggression und prosoziales Verhalten als ursprünglich über- lebensnotwendige Ausstattung. Artefakte an Fundstätten des Homo sapiens belegen relativ eindeutig, dass der Mensch der Altsteinzeit die gleichen kognitiven und emotionalen Fähigkeiten wie der moderne Mensch besessen haben muss. Die Säuglingsforschung als zweiter methodischer Zugang beweist, dass es angeborenes Wissen gibt. Mit drei Monaten besitzen Kinder schon ein Ver- ständnis von Kontinuität und Solidität von Ob- jekten (intuitive Physik). Sie verstehen mit sechs Monaten Kausalität, denn sie können zwischen kausalen und nichtkausalen Ereignissen unter- scheiden. Ebenso kennen sie den Unterschied zwischen lebendigen und toten Objekten (intui- tive Biologie). Sie schreiben Personen bereits im ersten Lebensjahr Intentionalität zu (intuitive Psychologie) und besitzen ein basales Verständnis von Zahlen (bis zur Menge 5) (intuitive Mathe- matik). Gründlich empirisch untersucht sind in- zwischen die Domänen Musik und Sprache. In der Musik erreichen die Babys mit Ende des ers- ten Lebensjahres ein bemerkenswertes Niveau, das allerdings in unserer Kultur nicht adäquat ge- fördert wird. Der rasche Spracherwerb in den ersten sechs Lebensjahren lässt sich nach heutiger Erkenntnis nur durch ein biologisches Programm erklären, das den Aufbau der jeweiligen Mutter- sprache gewährleistet. Man kann also nach heutigem Wissen als biologi- sche Module folgende Domänen annehmen: Phy- sik, Kausalität, Biologie, Psychologie, Mathema- tik, Sprache und Musik. In den fachbezogenen Wissensbereichen fügt man die Bezeichnung „in- tuitiv“ hinzu, um damit den lernunabhängigen, sich spontan entwickelnden Charakter dieser Do- mänen zu kennzeichnen. Dieses Wissen reichte in der Menschheitsgeschichte lange Zeit aus. Man kann gut überleben, ohne zu verstehen, dass die Erde eine Kugel ist. Man kam zurecht, wenn man nichts über wissenschaftliche Physik wusste, und man war damit zufrieden, sich selbst und die ei- gene Gesellschaft als die „eigentlichen“ Menschen anzusehen. Diese Ausstattung hat uns die Evolu- tion mitgegeben, um unser Überleben sicher- zustellen. Die Kultur hat auf der Basis dieser kognitiven Aus- stattung eine zweite Umwelt innerhalb unseres biologischen Ökosystems geschaffen – ohne diese können Menschen nicht leben. Diese kulturelle Umwelt besteht einerseits aus Werkzeugen, Woh- nungs- und Verkehrseinrichtungen sowie anderen materiellen Gegenständen und andererseits aus Wissen, sozialen Regeln und ethischen Grundsät- zen. Bemerkenswert sind Leistungen, die über die evolutionär vorgesehenen Möglichkeiten hinaus- gehen. So erforderte die Entwicklung der Wissen- schaften den Aufbau antiintuitiven Wissens (z. B. in der Mathematik und Physik den Umgang mit mehr als drei Raumdimensionen). Vor allem das Vordringen in den Makrokosmos und den Mikro- kosmos erzeugte kulturelle Wissensstrukturen, die jenseits des menschlichen Vorstellungsvermögens liegen. Unser Verständnis ist nur für den Mesokos- mos ausgelegt (Vollmer 1990). Die individuelle Entwicklung übernimmt nun auf dem Weg der Enkulturation Teile des angesammelten Wissens sowie den angebotenen Werkzeuggebrauch. Die Schöpfer des antiintuitiven Wissens mussten ein „evolutionäres Gebirge“ bezwingen, gewisserma- ßen als Erstbesteigung. In der individuellen Ent- wicklung muss beim Erwerb wissenschaftlichen Wissens ebenfalls das Gebirge überwunden wer- den, weshalb hierfür eine besondere Didaktik er- forderlich scheint (Resnick 1994). Die kulturelle Weiterentwicklung der evolutionären Basis und ihre Konsequenzen für das Bildungssystem werden noch kaum gesehen. Die Verzahnung von biologischer und kultureller Evolution mit der Ontogenese zeigt sich schließ- lich auch an der neurologischen Entwicklung. Die Entwicklung des Gehirns beginnt bereits in der zweiten Schwangerschaftswoche. Durch Tei- lung der Stammzellen (Mitose) entstehen die Neuronen, die an ihren Bestimmungsort im Ge- hirn wandern (Migration) und Schichten bilden, die sich von innen nach außen entwickeln. Nach der Geburt kommt es zu einer gewaltigen Ver- mehrung der Dendritenbildung. Zunächst wird ein großer Überschuss an synaptischen Verbin- dungen erzeugt. Zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr weist das Gehirn einen Grad der Vernetzung auf, der später nie mehr erreicht

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