Handbuch 5. Auflage
Entwicklung 367 wird. Das liegt daran, dass synaptische Verbin- dungen, die nicht genutzt werden, verloren gehen. Die Nutzung der Verbindungen geschieht durch Erfahrung und Lernen. Es gibt ein Zeitfenster, in dem optimal gelernt werden kann. Verloren ge- gangene Verbindungen können nicht mehr re- aktiviert werden. Daher gilt der Schlachtruf „Use it or lose it“. Mit Bourgeois (2001) lassen sich drei Phasen unterscheiden: (1) eine Reifungs- phase, die sich primär vor der Geburt abspielt, (2) eine erfahrungsabhängige Wachstumsphase, die zwar nach einem biologischen Plan abläuft, aber auf Umweltangebote angewiesen ist, und (3) eine Abbauphase, in der aufgrund von Erfahrung und Lernen Verbindungen, die nicht genutzt wurden, verschwinden (Pauen / Elsner 2008). Einen weiteren Trend der Gehirnentwicklung bil- det die Myelinisierung (Markscheidenbildung), die für die Geschwindigkeit der Informationsverarbei- tung verantwortlich zu sein scheint. Sie beginnt mit dem fünften Schwangerschaftsmonat und en- det zunächst etwa mit dem zweiten Lebensjahr. Besondere Bedeutung für die menschliche Ent- wicklung hat das Frontalhirn. Es tritt phylogene- tisch erst bei den Säugetieren, v. a. bei den Affen auf. Ontogenetisch entwickelt es sich noch bis ins Erwachsenenalter hinein (Keating 2004). In Kind- heit und Jugend kommt es erneut zu einer Zu- nahme der weißen Gehirnsubstanz (Myelinisie- rung), welche die Zahl synaptischer Verbindungen im Frontalhirn erhöht (Sowell et al. 2002). Diese Entwicklung im Frontalhirn hängt mit der wach- senden Fähigkeit zur Selbstreflexion, willentlichen Kontrolle und Organisation von psychischen Merkmalen und Verhaltensimpulsen zusammen (siehe nächster Abschnitt). Die neurologische Per- spektive zeigt eindrucksvoll, welche Prozesse gene- tisch, d h. vorwiegend evolutionär, und welche durch die Kultur (vor allem die Bildung) bestimmt sind. Meilensteine der menschlichen Entwicklung Die Entwicklung beinhaltet so viele Einzelphäno- mene und Forschungsbefunde, dass sie unmöglich hier abgehandelt werden können. Stattdessen sollen einige wichtige Meilensteine menschlicher Entwick- lung herausgearbeitet werden. Sie zeigen nämlich meist universelle Gesetzmäßigkeiten und ereignen sich allesamt im Kindes- und Jugendalter. Mit etwa einem halben Jahr entdeckt sich das Kind als Urheber eines Effektes. Die Tätigkeit, eine Wir- kung in der Umwelt zu erzielen, die man selbst er- zeugt, wird als lustvoll und motivierend erlebt ( ef- fectance motive ; White 1970). Hier liegt der Ursprung der Selbstwirksamkeit (Bandura 1977), der die menschliche Entwicklung ein Leben lang begleitet. Mit sieben bis acht Monaten baut sich der Kurzzeitspeicher auf, der den Vergleich von bekannt und fremd ermöglicht. Das daraus resul- tierende Fremdeln ist also als Entwicklungsfort- schritt anzusehen. Mit etwa zwölf Monaten wird das Bindungssystem aufgebaut, in dem das Kind Bindung zu ausgewählten Personen aufnimmt. Si- cher gebundene Kinder fühlen sich in der Nähe der Bindungsperson geborgen und explorieren ihre Umwelt. Erkundungssystem und Bindungssystem sind miteinander verschränkt (Bowlby 1984). Mit etwa 18 Monaten erkennt sich das Kind im Spiegel, woraus man schließen kann, dass es ein erstes Ichbewusstsein aufgebaut hat. Zugleich ent- wickelt das Kind Empathie in dem Sinne, dass es Mitleid für Personen in (experimentell simulierten) Schwierigkeiten zeigt und Hilfe anbietet, aber auch Schadenfreude und antisoziales Verhalten pro- duziert (Bischof-Köhler 1989). Hier liegt die Wur- zel eines ersten Moralverständnisses. Die Thematik der Entwicklung zwischen einem Jahr und drei Jahren wird durch das Spannungsver- hältnis von Bindung und Autonomie bestimmt, die zu emotionalen Spannungen führen und in eine Trotzphase münden können. Die Trennung von den Bindungspersonen wird vom Kind durch das sogenannte Übergangsobjekt aufgefangen – ein Kuscheltier oder ein anderer Gegenstand, der stell- vertretend für die Bindungsperson vorhanden ist (Winnicott 1971). Mit vier Jahren ereignen sich mehrere bedeutsame Entwicklungsschritte. Das Kind baut die so- genannte Theory of Mind (Theorie des mensch- lichen Verstandes) auf und erkennt, dass das Wis- sen über einen Sachverhalt nicht das Gleiche ist wie der Sachverhalt selbst. Das Kind erkennt, dass ver- schiedene Personen unterschiedliches Wissen über den gleichen Sachverhalt haben können (Perner 1991). Damit überwindet es bereits den naiven Realismus und wird zu einem kritischen Realisten. Eine zweite Leistung besteht in der Fähigkeit zur
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