Handbuch 5. Auflage
368 Oerter mentalen Zeitreise. Das Kind kann sich gedanklich in die Vergangenheit und Zukunft bewegen – eine Leistung, die nur Menschen erbringen können (Bi- schof-Köhler 2000). Mit fünf Jahren baut sich die Leistungsmotivation als System auf, in welchem das Kind sich Ziele nach eigenen Gütemaßstäben setzt, sie durch ei- gene Leistungen zu erreichen versucht und je nach Ergebnis unabhängig von der sozialen Rück- meldung Erfolgs- oder Misserfolgserlebnisse hat (Heckhausen 1974). Etwa um die gleiche Zeit konstruiert das Kind die Geschlechtskonstanz, also die Erkenntnis, dass man das Geschlecht we- der durch die Veränderung des Aussehens noch durch Motivation und Handlungsweise verändern kann (Kohlberg 1974). Im Grundschulalter macht das Kind sowohl in der kognitiven als auch in der emotionalen Entwick- lung und der Verhaltensregulation große Fort- schritte. Kognitiv ist es nun fähig, konkret-logi- sche Operationen anzuwenden (Piaget 1966) und – nach neueren Befunden – wissenschaftlich zu denken (Sodian 2008; Goswami 2001). Zu- gleich wird das Kind fähig, die eigenen Emotionen zu regulieren, indem es an sich selbst appelliert (Holodynski /Oerter 2008). Dies führt auch zu der Fähigkeit, sich willentlich zu konzentrieren und aktiv Störreize fernzuhalten. Dies gilt trotz der häufig geäußerten Klagen über die hohe Ab- lenkbarkeit der Schulkinder, die durch die Me- diennutzung begründet wird. Die bedeutendste Veränderung aber wird durch den Erwerb der Schriftsprache und die Neuordnung kulturellen Wissens in eine kontextfreie Sachstruktur bewirkt. Der Schritt zur Schriftsprache verändert die Sprachnutzung insofern grundsätzlich, als nun Sprachplanung aufgrund von mentaler Vorstruk- turierung und Denkkontrolle durch nachträgliche Prüfung des verfassten Textes möglich wird. Die Neuordnung des Wissens sorgt für den Aufbau des semantischen Gedächtnisses, das zum episo- dischen (biografischen) Gedächtnis hinzutritt. Das Jugendalter schließlich wird zur Epoche der Selbstreflexion und des Aufbaus einer eigenen Identität mit unterschiedlichen Verläufen und Ergebnissen (s. u.). Im Jugendalter erreicht die fluide Intelligenz (formallogisches Denken und Schlussfolgern, mathematisches Denken, Ge- schwindigkeit der Informationsverarbeitung) be- reits ihren Höhepunkt, während die kristalline Intelligenz (kulturelles Wissen, Weisheit) sich bis ins Alter weiterentwickelt. Die körperliche Ent- wicklung führt zu drastischen Veränderungen, v. a. im Bereich der Geschlechtsreife, die vom Aufkommen des Geschlechtstriebs begleitet wird. Aber auch rasches Körperwachstum bis zur end- gültigen Größe und Gewichtszunahme infolge der Entwicklung des Muskel- und Knochensys- tems sind typische Veränderungen im Jugendalter. Die mit der körperlichen Entwicklung verbun- dene Retardation und Akzeleration kann infolge der Asynchronie von körperlicher und psychischer Entwicklung zu Problemen führen (Minderwer- tigkeit bei Retardierten und vorgezogenes Er- wachsenenverhalten bei Akzelerierten). Mit Aus- nahme der Rolle der Bildung für die kognitive Entwicklung sind die beschriebenen Meilensteine nach heutiger Kenntnis menschliche Universalien und beschreiben Entwicklungsgesetze, die kultur- unabhängig gelten. Orientierungskonzepte für Entwicklung Das Individuum als aktiver Gestalter seiner Ent- wicklung benötigt Orientierungspunkte, an denen sich der eigene Entwicklungsweg festmachen lässt. Ebenso orientiert sich die soziale Umwelt an Richt- werten, die von der Kultur vorgegeben sind. Solche Orientierungskonzepte sind Entwicklungsauf- gaben, kritische Lebensereignisse, Bindung und Verbundenheit, Selbst und Identität, Lebens- und Entwicklungsthematiken sowie Entwicklungsnor- men, Lebensstile und -entwürfe. Im Folgenden sollen die wichtigsten Konzepte näher erläutert werden. Entwicklungsaufgaben Entwicklungsaufgaben als das Zusammenspiel von individueller Leistungsfähigkeit, soziokultureller Norm und individueller Zielsetzung (Havighurst 1982; Oerter 1978: zur heutigen Konzeption siehe Oerter /Montada 2008) sind ein typisches Beispiel für das Zusammenwirken gesellschaftlicher und individueller Konstruktion. Das Individuum muss sich mit Regeln und Anforderungen der Gesell- schaft, die sich auf bestimmte Lebensabschnitte
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