Handbuch 5. Auflage
370 Oerter Selbst und Identität Das Selbst und seine Entwicklung werden in der empirischen Forschung sowie in der Theorienbil- dung auf zweierlei Weise konzipiert. Die erste For- schungsrichtung interessiert sich für das Selbst als zentrale regulierende Funktionseinheit und seine Entwicklung zu höheren Komplexitätsniveaus, auf denen die wachsende Differenzierung der anstehen- den Aufgaben durch eine hierarchische Integration gewährleistet wird. Für das Selbst als übergeordnete Funktionseinheit müsste es ein neurophysiologisches Korrelat geben. Bekanntlich sind zwar Regionen des Frontalhirns an solchen Leistungen beteiligt, aber neurologisch bildet das Selbst keine lokalisierbare Einheit, sondern entsteht aus der Verknüpfung vie- ler Funktionseinheiten zu einem gemeinsamenNetz. Insofern ist das Selbst als Funktionseinheit sowohl neurologisch als auch aus der Sicht der Allgemeinen Psychologie eine subjektive Täuschung. Die zweite Forschungsrichtung über das Selbst be- fasst sich mit dem Selbstkonzept, d.h. den Entwür- fen des Individuums über sich selbst. Entwicklungs- psychologisch lassen sich je nach verwendetem Verfahren unterschiedliche Stufen des Selbst aus- machen, die von einfacheren zu komplexeren Stufen voranschreiten. Eine Mischung beider Zu- gänge – Selbst als Funktionseinheit und Selbst als Konzept – liegen bei Ansätzen der Identitätsent- wicklung (Erikson 1980; Marcia 1980) und der Entwicklung der Selbstkomplexität vor (Noam 1997; Kegan 1986). Die vier Stufen der Identitäts- entwicklung nach Marcia (übernommen – dif- fus – Moratorium – elaboriert) haben den Vorteil, dass sie nicht nur für einen bestimmten Alters- abschnitt gelten (obwohl sie hauptsächlich für das Jugendalter erforscht wurden), sondern je nach Le- benslage ihren Status wechseln können. Klinisch relevant sind besonders zwei theoretische Aspekte der Selbstentwicklung: die Analyse unvoll- ständiger oder konfligierender Anteile des Selbst und Kontrollüberzeugungen. Der erste Aspekt ist in der Selbst-Diskrepanz-Theorie von Higgins (1987) berücksichtigt. Sie unterscheidet zwischen Aktual-Selbst, Sollens-Selbst und Ideal-Selbst, wo- bei die ersten beiden sowohl aus eigener Sicht als auch aus der Sicht der anderen erfasst werden. Die von Gollwitzer und Wicklund (1985) stammende Theorie der Selbstergänzung geht davon aus, dass das Individuum Indikatoren für sein Selbst sam- melt und definiert. Der Verlust solcher Indikatoren wird durch symbolische Selbstergänzung wett- gemacht. Dies, so zeigen die Autoren an experi- mentellen Untersuchungen, kann zu pathologi- schen Sichtweisen und Handlungen führen. Der zweite theoretische Aspekt – die Kontrollüber- zeugungen – ist in Forschung und Praxis v. a. für die Konzepte der Selbstwirksamkeit (Bandura 1977) und die von Weisz, Rothbaum und Black- burn (1984) eingeführte Unterscheidung von pri- märer und sekundärer Kontrolle sowie deren Er- weiterung durch Heckhausen und Schulz (1995) fruchtbar geworden. Unter primärer Kontrolle ver- steht man die Anpassung der Umwelt durch eigene Handlungsinitiativen an die Wünsche und Ziele des Selbst. Sekundäre Kontrolle setzt ein, wenn diese Form der Umweltkontrolle nicht möglich ist. Sie passt das Selbst bzw. seine Wünsche und Ziel- setzungen an die Umwelt an. Beide Formen kön- nen wirklichkeitsorientiert oder illusionär sein. Ein emotionsorientierter Ansatz der Pathogenese bei der Selbstentwicklung stammt von Johnson-Laird, Mancini und Gangemi (2006). Sie erklären die Ge- nese psychischer Erkrankungen durch eine „Hyper- Emotionstheorie“, gemäß der eine ursprünglich an- gemessene kognitive Bewertung einer Emotion eine Folge von nicht bewussten Übergängen nach sich zieht, d.h. in nachfolgenden entsprechenden Situa- tionen wird die ursprüngliche Emotion mit der gleichen Intensität ausgelöst, die aber nun der Situa- tion nicht mehr angemessen ist. Die Erkrankung lässt sich nach diesem Modell erst verstehen, wenn man die anfängliche Situation, die erstmals die in- tensive Emotion ausgelöst hat, herausfindet. Damit gewinnen Kindheitserlebnisse ähnlich wie bei der Psychoanalyse große Bedeutung. Lebens- und Entwicklungsthematiken Thomae (1968) hat den Begriff „Daseinsthematik“ geprägt, der sich ihm aufgrund der inhaltsanalyti- schen Auswertung seiner biografischen Unter- suchungen aufdrängte. Er klassifizierte diese The- matiken nach sieben Bereichen und verstand darunter die Inhalte, Werte und allgemeinen Ziel- setzungen, die das Handeln des Individuums über längere Zeit bestimmen. Im Folgenden sollen sol- che Thematiken als Lebensthematiken bezeichnet werden, da sie nicht als Einzelinhalte oder spezi-
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