Handbuch 5. Auflage
Entwicklung 371 fische Interessen, sondern als sehr allgemeine, den Sinn des individuellen Lebens bestimmende oder deutende kognitiv-affektive Strukturen zu verste- hen sind. Noam (Noam/ Röper 1999) bezeichnet sie als Kernthematiken (core life themes) . Lebensthematiken lassen sich mit dem Tätigkeits- begriff (Leontjew 1977) theoretisch gut verbinden: Tätigkeit ist die hinter dem Handeln liegende sinn- stiftende Aktivität (Oerter 2000). Damit wird auch deutlich, dass Lebensthematiken nicht deklarativ verfügbar sein müssen. Im Gegenteil, sie fußen auf einer riesigen Vielfalt von Informationen und kon- struktiver Aktivität während der Lebensgeschichte des Individuums und können daher als Ganzes nicht präsent sein. Dies wird besonders deutlich in Unter- suchungen zum kindlichen Spiel (Oerter 1999). Kinder spielen ihre jeweilige Thematik aus und be- nutzen so das Spiel als Verarbeitungsmöglichkeit. Entwicklungsthematiken als auf die Zukunft ge- richtete Lebensthematiken drücken sich in Zu- kunftsentwürfen aus, die Little (1980) als personal projects und Mischel und Shoda (1995) als life pro- jects bezeichnet haben. Solche Entwürfe können eher bereichsspezifisch oder bereichsübergreifend sein. Bereichsspezifisch wäre beispielsweise ein per- sonal project , wenn es sich auf eine Reise bezieht, die man als zentrales Lebensziel ansieht und lange im Voraus plant. Bereichsübergreifend wird ein personal project , wenn es alle Lebensbereiche umfasst wie etwa ein langer beruflicher Aufenthalt im Ausland unter Mitführung der Familie, Verkauf des Hauses bzw. der Wohnung etc. Entwicklung zwischen Risiko und Bewältigung Die Entwicklungspsychopathologie benennt als destabilisierende Bedingungen Risikofaktoren bzw. Stress und Vulnerabilität sowie als stabilisierende Faktoren Schutzfaktoren und Resilienz. Beide Be- griffe erweisen sich bei näherem Zusehen als me- thodisch nicht leicht handhabbar. Risikofaktoren Risikofaktoren setzen sich aus sehr heterogenen Variablen zusammen. Zunächst subsumiert man unter Risikofaktoren distale Rahmenbedingungen wie Armut, Wohngebiet (z. B. ungünstige Stadt- viertel) und Zugehörigkeit zu Randgruppen. Dann werden als Risikofaktoren Beziehungen und Ei- genschaften von Bezugspersonen untersucht. Schließlich zählen zu den Risikofaktoren aber auch internale Bedingungen wie Temperament, biologi- sche Faktoren, ungünstige Lebensstile und inadä- quate Copingstrategien. Der Stellenwert solch un- terschiedlicher Faktoren in der Wirkungskette auf das System Mensch ist sicherlich sehr verschieden. Dennoch zeigt sich meist eine additive Wirkung von Risikofaktoren, obwohl ein Faktor (z. B. Ar- mut) oft zwangsläufig andere Faktoren (Vernach- lässigung, geringe Bildungschancen) nach sich zieht (Sameroff et al. 1993). Man hat daher trotz scheinbarer Additivität die Annahme eines ein- fachenWirkungszusammenhangs zwischen Risiko- faktor und Störung bzw. Krankheit längst aufgege- ben (Rutter 1990). Der Zusammenhang zwischen Stress und Risikofaktoren ist jedoch ein doppelter. Zum einen können Risikofaktoren selbst Stress in- duzieren (hohe Belastungsanforderungen, Mob- bing, Feindseligkeit in der Familie oder in der Peer- gruppe) und zum anderen können Risikofaktoren der inadäquaten Reduktion von Stress dienen (Drogen, Flucht in den Medienkonsum, Verfüh- rung in der Peergruppe). Vulnerabilität Vulnerabilität ist demgegenüber ein Begriff, der eindeutig am Individuum festzumachen ist. Vul- nerabilität bezieht sich auf das Ausmaß der Wirk- samkeit von Risikofaktoren. Je höher sie ist, desto eher und stärker können Risikofaktoren ungüns- tig wirksam werden. Hat sich das System z. B. im Laufe der Entwicklung schon früher destabilisiert, dann ist seine Vulnerabilität höher und vorhan- dene Risikofaktoren haben ein leichteres Spiel. Grob sollte man bei der Vulnerabilität zwischen biologischen und psychologischen Bedingungen unterscheiden. Die biologischen Bedingungen sind in der körperlichen Gesundheit und in Tem- peramentsfaktoren verankert, während die psy- chologischen Bedingungen mit den bisherigen Entwicklungserfahrungen und mit aktiven Ge- staltungsbemühungen um die eigene Entwick- lung zu tun haben.
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