Handbuch 5. Auflage
372 Oerter Schutzfaktoren Die protektiven Faktoren – das Gegenstück zu den Risikofaktoren – lassen sich analog in distale Rah- menbedingungen, proximale Beziehungseinflüsse und internale Schutzfaktoren aufschlüsseln. Unter systemtheoretischer Perspektive wirken Risiko- und Schutzfaktoren als Kontroll- und Ordnungs- parameter (s. u.). Auch Schutzfaktoren wirken nicht mechanisch-kausal, sondern können als Res- sourcen genutzt werden oder brachliegen. Je mehr Ressourcen zur Verfügung stehen und genutzt wer- den können, desto günstiger fällt die Bilanz von Risikofaktoren (Stressoren) und Schutzfaktoren (Ressourcen) aus. Resilienz Besonderes Interesse hat das Phänomen der Resi- lienz auf sich gezogen. In Längsschnittstudien hat sich immer wieder das Phänomen gezeigt, dass Kinder und Jugendliche trotz eines hohen Potenzi- als an Risikofaktoren eine günstige Entwicklung nahmen (Werner 1990). Man führt dies auf die „Widerstandsfähigkeit“ (Resilienz) der Betroffenen zurück und definiert sie als Fähigkeit, internale und externale Ressourcen erfolgreich zu nutzen, um Entwicklungsanliegen zu bewältigen“ (Wa- ters / Sroufe 1983). Dennoch ist Resilienz (oder auch Kompetenz) kein stabiles Persönlichkeits- merkmal, sondern variiert über die Zeit und über verschiedene Situationen (Rutter 1990). Noam (1997) hat deshalb die Unterscheidung zwischen konstitutioneller Resilienz und Resilienzentwick- lung eingeführt. Resilienz erstreckt sich auch kei- neswegs auf alle Bereiche, sodass in einem Bereich geringes, in einem anderen hohes Risiko bestehen kann. Resilienz würde sich aus dieser Perspektive analog zur Vulnerabilität aus biologischen und psychologischen Bedingungen zusammensetzen. In die psychologischen Bedingungen gehen ähn- lich wie bei der Vulnerabilität Umweltbedingungen insofern massiv ein, als positive und stabilisierende frühere Erfahrungen die Ausbildung mentaler und physischer Widerstandskräfte begünstigen. Werner (1990) fand in der Kauai-Studie als begünstigende Faktoren bei einer generell ungünstigen risikorei- chen Umgebung das Vorhandensein von Groß- eltern, älteren Geschwistern, betreuenden Erwach- senen außerhalb der Familie, beliebten Lehrern, Priestern und Jugendarbeitern, engen Freunden und schließlich das Vorhandensein von emotiona- ler Unterstützung durch Ehepartner / -in (im frü- hen Erwachsenenalter) sowie durch Glaube und Gebet. Multifinalität und Äquifinalität Das komplizierte Zusammenspiel von Bedingungs- faktoren sowie die systemischen Wirkungen lassen keine stringente Kausalkette als Erklärungsmodell für die Entstehung von Entwicklungsphänomenen zu. Vielmehr können viele Bedingungen und viele Entwicklungswege zum gleichen Erscheinungsbild führen – ein Sachverhalt, den man als Äquifinalität bezeichnet (z. B. Cicchetti 1999). Analog dazu können ein- und derselbe Entwicklungsweg bzw. die dabei auftretende Kombination von Bedingun- gen zu unterschiedlichen Entwicklungsresultaten führen – je nachdem, wie das System die Bedin- gungen verarbeitet. In diesem Fall spricht man von Multifinalität. Der Aspekt der Multifinalität und Äquifinalität hat für Diagnose und Intervention erhebliche Konsequenzen. Ein bestimmtes Stö- rungsbild (Aggressivität, Depression, dissoziative Störungen) lässt sich zwar relativ gut klassifizieren, doch ist es ein Oberflächensyndrom, hinter dem unterschiedliche Entstehungswege stehen und wo- für unterschiedliche Interventionswege angezeigt sind. Diagnose und Intervention müssen dadurch ergänzt werden, dass man Entwicklungspfade er- mittelt. Somit wird aus Diagnose nun immer Ent- wicklungsdiagnose und aus Intervention entwick- lungsorientierte Intervention. Dabei versteht sich Entwicklungsdiagnostik einerseits als Ermittlung eines aktuellen Entwicklungsstandes – insbeson- dere als Erfassung desorganisierter Systeme oder Teilsysteme – und andererseits als Ermittlung der Entstehungsgeschichte des aktuellen Zustands. Die systemtheoretische Perspektive Aus dem bisher Gesagten geht hervor, dass sich die systemtheoretische Betrachtungsweise in besonde- rem Maße für das Verständnis von Entwicklung eignet. Systeme lassen sich auf verschiedenen Ebe- nen analysieren: z. B. auf der Ebene zellularer Vor-
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