Handbuch 5. Auflage

Entwicklung 373 gänge, gehirnphysiologischer Organisation, der Selbstorganisation des Individuums und der Wech- selbeziehungen zwischen Individuen. Systeme sind ganzheitliche Gebilde, die sich per- manent selbst organisieren, um Gleichgewicht herzustellen und aufrechtzuerhalten. Entscheidend für diese Organisationsleistungen sind Rückkoppe- lungsprozesse (Feedback), die eine permanente Re- gulierung ermöglichen. Granic und Patterson (2006) unterscheiden positives und negatives Feed- back. Durch positives Feedback entstehen Varia- tionen bei den Elementen eines Systems, die zur Entwicklung (Emergenz) von Neuem führen. Dies geschieht in der Regel bei neuen verstärkenden Umweltbedingungen. Durch negatives Feedback bleiben Elemente in ihrer bisherigen Verbindung, Abweichungen werden minimalisiert und die Sta- bilität des bisherigen Systems unterstützt. So führt permanentes negatives Feedback zum Aufbau und zur Stabilisierung antisozialen Verhaltens (Gra- nic / Patterson 2006). Beide Formen des Feedbacks sind aber nötig, denn ihr Zusammenspiel gewähr- leistet einerseits Stabilität und andererseits die er- forderliche Weiterentwicklung des Systems. Feste Interaktionsmuster und stabile Zustände, in denen sich ein System befindet, werden als Attrak- toren bezeichnet. Betrachtet man das Individuum als System, so bilden die stabilen Umweltbezüge, z. B. die festen Alltagsgewohnheiten, solche Attrak- toren. Analysiert man eine Dyade als System, z. B. die Mutter-Kind-Beziehung, so können solche At- traktoren feste Umgangsregeln, eine typische Form des gemeinsamen Spiels und feste Rituale im tägli- chen Ablauf sein. Granic und Patterson (2006) ver- anschaulichen Attraktoren als Vertiefungen in einer Ebene, in die das System „hineinrollt“ – es wird also von der Schwerkraft der Attraktoren angezo- gen. Systeme lassen sich nicht durch lineare Kausalität allein beschreiben. Bei ihnen wirkt eine zirkuläre Kausalität, z. B. werden durch das Zusammenwir- ken von Elementen niedrigerer Ordnung Elemente höherer Ordnung beeinflusst, und deren Verände- rung wirkt wieder kausal auf niedrige Elemente zu- rück. So können einzelne Akte von Feindseligkeit der Mutter die Dyade als System in Richtung auf generell negative Beziehungen verändern, und diese Systemveränderung wirkt sich dann wieder negativ auf einzelne konkrete Verhaltensweisen im Alltag aus. Die Selbstorganisation und Ausfaltung (Emer- genz) des Systems lässt sich in aktueller Realzeit und in Entwicklungszeit erfassen. Was sich an Prozessen in der Realzeit abspielt, ist empirisch registrierbar. So haben Hollenstein et al. (2004) die Interaktion in der Mutter-Kind-Dyade mit- hilfe eines zweidimensionalen Gitters beschrieben und Veränderungen in sehr kleinen Zeitabständen festgehalten. Innerhalb von längeren Zeitabschnit- ten kommt es dann zu Systemveränderungen, die man als Phasenübergänge bezeichnet (Gra- nic / Patterson 2006). Diese Veränderungen spie- len sich in der Entwicklungszeit ab, welche die Beschreibungs- und Erklärungsdimension für Sa- lutogenese und Pathogenese bildet. Mit Haken und Schiepek (2006) lassen sich in- nere Ordnungs- und Strukturierungskräfte als Ordnungsparameter und äußere Einwirkungen als Kontrollparameter kennzeichnen. So sind beim Jugendlichen eingeübte Gewohnheiten, die bewusste Auseinandersetzung mit eigenen Pro- blemen und Zukunftsperspektiven innere Ord- nungsparameter. Monitoring durch Eltern, Lehr- kräfte oder – im Falle der Berufstätigkeit – durch Vorgesetzte am Arbeitsplatz sind Kontrollpara- meter. Systeme können sich in Richtung auf Ordnung oder Chaos bewegen. Diffuse Identitäten zeigen partiell Chaostendenzen. Manche Störungsbil- der – wie dissoziative Störungen – sind durch chao- tische Systemtendenzen erklärbar. Auch bei größe- ren Systemen kann die Entwicklung in Richtung Ordnung oder Chaos verlaufen. Im System Familie unterscheidet man Veränderungen erster Ordnung (Verfestigung des bisherigen Systems) und zweiter Ordnung (Umstrukturierung des Systems, siehe Schneewind 2008). Zusammenfassung Menschliche Entwicklung (Ontogenese) als nach- haltige Strukturveränderung vollzieht sich im Zu- sammenspiel von Anlage, Umwelt und selbst- gestaltender Eigenaktivität des Individuums. Dabei greifen evolutionäre Grundkräfte, kultu- relle Einflüsse und individuell-einmalige Erfah- rungen ineinander. Dieses Zusammenwirken erfordert eine systemtheoretische Perspektive. Entwicklung vollzieht sich als Emergenz von

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