Handbuch 5. Auflage
Erwachsenenbildung 379 Charakter bzw. modern formuliert: von „Commit- ment“ einschließt. Ein zweiter bedeutsamer As- pekt, den die befragten Jugendlichen mit „Erwach- sensein“ verbinden, ist Selbstständigkeit in den verschiedensten Lebensbereichen zu erlangen. Die- ses findet seinen Ausdruck darin z. B., sein Leben selbst finanzieren, selbstständige Entscheidungen treffen und seinen eigenen Haushalt gründen zu können. Ausgehend von dem letztgenannten Kriterium für Erwachsensein muss allerdings vor dem Hin- tergrund gesellschaftlicher Differenzierungspro- zesse und zunehmender sozialer Ungleichheits- problematik unterstellt werden, dass ökonomische Selbstständigkeit für immer mehr de-facto-Er- wachsene ein unerreichbares Ziel bleibt. Ange- sichts gesellschaftlicher Entwicklungen, die soziale Phänomene wie Postadoleszenz und Exklusions- individualität mit sich bringen, und demogra- fischer Prozesse, die auf eine zunehmende Über- alterung moderner Gesellschaften hinauslaufen, droht trotz aufgezeigter Bemühungen der Begriff des Erwachsenen blass zu bleiben bzw. verharrt im Stadium einer Residualkategorie. Erwachsene und lebenslanges Lernen: Teilnahme und Nicht-Teilnahme Vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungstendenzen, die mit Formeln wie Ent- differenzierung von biografischen Phasen, dem all- mählichen Verschwinden von Lebensphasenüber- gängen und Transitionsriten, Pädagogisierung des Lebenslaufs nur metaphernhaft benannt sind, zeigt sich ein Prozess, der in steigendem Maße alters- unabhängige Lern- und Weiterbildungsbemühun- gen als gesellschaftliche Normalität mit sich bringt. Die Erwachsenenbildung erscheint heute als „zen- trales Medium“ einer Lerngesellschaft der Zukunft und Domäne des institutionalisierten Lernens im Lebenslauf (Dewe 1999b). Sie zählt zur institutio- nalisierten Dynamik des modernen Lebenslauf- regimes (Kohli 1988; Dewe /Weber 2007b). Erwachsenenbildung als zentraler Bestandteil eines Prozesses der kulturellen Entwicklung von Gesell- schaft bzw. der sie konstituierenden sozialen Grup- pen und Individuen ist darauf ausgerichtet, die ökonomische und soziale Entwicklung sowie die der persönlichen Identität zu unterstützen über Verfahren laufenden oder wiederholten Lernens, die die individuelle Erfahrungswelt verkoppeln mit den für diese Entwicklung geeignetsten kulturellen Mustern (u. a. Dumazidier 1984; Achtenha- gen / Lempert 2000; Dewe 2010). Die Institutio- nalisierung lebenslangen Lernens und der damit verbundenen erwachsenenbildnerischen Praxisfor- men wie Familien- und Elternbildung, berufliche Weiterbildung, Seniorenbildung etc., wie sie sich den heutigen Gesellschaften als Notwendigkeit aufzwingen, werden einen unsicheren und drama- tischen Umbruch von Mentalitäten und Denk- strukturen auslösen, dessen Anfang bereits deutlich erkennbar ist. Erwachsensein heißt hinfort nicht nur, sein Leben lernend selbst bewältigen zu kön- nen, sondern in sozialen Institutionen und im Rhythmus gesellschaftlicher Impulse – vor allem des Betriebs, des Arbeitsmarkts und weitergehen- der, sich ständig ändernder beruflicher und lebens- praktischer, vor allen Dingen freizeitbezogener An- forderungen – zu lernen, die im Zweifelsfalle und unter Bedingungen nicht hinreichender Reflexion der Fremdbestimmung sowohl der Lerngegen- stände als auch des Lernprozesses selbst Tor und Tür öffnen (Harney 1991). Im Strukturplan für das deutsche Bildungswesen wird dieser Entwick- lung deutlicher Ausdruck verliehen: „Der Grundgedanke der ständigenWeiterbildung, der ein Schritthalten mit der Entwicklung auf allen Lebensgebie- ten und damit die Ermöglichung der personalen Entfal- tung meint, lässt nicht zu, dass sich organisiertes Lernen auf bestimmte Bereiche und Inhalte beschränkt.“ (Deut- scher Bildungsrat 1970, 57) Aufgrund der zurzeit beobachtbaren Expansion bei gleichzeitiger Diversifikation der Felder, auf die sich die Bildungsangebote der Erwachsenenbil- dung beziehen, lässt sich von einer Ubiquität der Erwachsenenbildung sprechen (Dewe 1997). Er- wachsenenbildung in der modernen Gesellschaft definiert heute als Teilnehmer typischerweise nicht den Erwachsenen (Bittner 2001), sondern in mul- tiplen institutionellen Perspektiven „Kunden, Arbeitslose, Fahrschüler, Senioren, Führungskräfte, Verkäufer, Touristen, Väter und Mütter, Bürger und Menschen, Ballettschülerinnen, Verkehrs sünderInnen, Brautleute und Flugängstliche etc.“ (Harney 1997, 113). Die Zuständigkeit der
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=