Handbuch 5. Auflage
Erwachsenenbildung 381 dungssystems. Gegenwärtig lassen sich Bildungs- und Weiterbildungsprozesse jenseits der herkömm- lichen Lernzusammenhänge des Bildungssystems in steigendemUmfang in solchen gesellschaftlichen Teilbereichen finden, welche die Vervollkomm- nung der Individuen mittels Bildung nicht als ihr Hauptinteresse betrachten. Die Arbeit an Personen als „Formung von Lebensläufen“ (Luhmann 1997) wird etwa in Wirtschaftsunternehmen als Mittel für betriebliche Zwecke instrumentalisiert (auch Neuberger 1990) im Sinne eines Beitrags zur orga- nisatorischen Reproduktion des Betriebs (Grüne- wald et al. 2003; Harney 1999; Schiersmann 2007; Schulmeyer 1998). Die Ubiquität von organisierter und selbstinitiierter Erwachsenenbildung als bedeutsame Sequenz des Lernens über die Lebensspanne wird darüber hinaus durch technologische Entwicklungen begünstigt. In den 1990er Jahren ist die Entwicklung und Durch- setzung der internetbasierten Informations- und Kommunikationstechnologien (u.a. Münch 2000; Vollbrecht 2000; Kade 2005; Dewe/Weber 2007b) sehr dynamisch vorangeschritten. Sie berühren heute nahezu alle gesellschaftlichen Lebensbereiche. Form und Inhalt beruflicher und betrieblicher Arbeit ver- ändern sich in gravierender Weise, aber auch öffent- liche und private Kommunikationsformen bleiben von dieser Entwicklung nicht unbeeinflusst. Die Herausforderungen, denen sich moderne Gesell- schaften heute stellen müssen, verdanken sich einem beschleunigten ökonomischen Wandel, der über die erwähnten Konvergenzentwicklungen im informati- ons- und kommunikationstechnologischen Bereich hinaus durch die Globalisierung der Märkte und ei- nen einschneidenden sektoralen Strukturwandel ausgelöst wurde (Dewe/Ferchhoff 2000). In der emporkommenden Wissensgesellschaft beruhen die qualitativen Innovationen „auf der neuen Wertigkeit, ökonomischen Bedeutung und politischen Steuerung von Wissen und Expertise […] Der Kern der Ausbildung der Wissensgesellschaft schei- nen die Quantität, Qualität und das Tempo ubiquitärer Innovation durch neue Informationen, neues Wissen und neue Expertise zu sein“ (Willke 1998, 162). Der dadurch evozierte gesellschaftliche Wandel reicht in die Tiefenstrukturen der Reproduktion von Gesellschaft. „Land, Kapital und industrielle Arbeit sind die Faktoren, welche die Arbeits- und Industriegesellschaft formen. Die Wissensgesellschaft dagegen beruht auf ‚embedded intelligence‘ in dem Sinne, dass ihre Infrastrukturen (Telekommunikationssysteme, Telematik- und Verkehrs- systemsteuerung, Energiesysteme) mit eingebauter, kontextsensitiver Expertise arbeiten, ihre Suprastruktu- ren (Institutionen, Regelsysteme, ‚governance regimes‘) lernfähig organisiert sind und aktiv Wissensbasierung betreiben, und dass die Operationsweise ihrer Funk- tionssysteme Schritt für Schritt ihre Eigenlogik mit der neuen Metadifferenz von Expertise und Risiko koppeln“ (164). Wissen wird zu einer zunehmend bedeutenderen Produktivkraft und setzt sich mehr und mehr an die Stelle der traditionellen Produktivkräfte (Stehr 1994, 2000; siehe hierzu auch Homfeldt / Schulze- Krüdener 2000; Friedewald et al. 2010). Für den Arbeitsprozess in Beruf und Betrieb hat dies zur Folge, dass Organisationen (und vor allem die so- genannten „intelligenten“ Organisationen) auf- grund der gestiegenen Anforderungen in zuneh- menden Maße wissensbasiert operieren werden im Sinne „organisierter“ Wissensarbeit (Willke 1998). Wissensarbeit (Pernicka et al. 2010) umfasst „Tätigkeiten (Kommunikationen, Transaktionen, Inter- aktionen), die dadurch gekennzeichnet sind, dass das er- forderlicheWissen nicht einmal im Leben durch Erfahrung, Initiation, Lehre, Fachausbildung oder Professionalisie- rung erworben und dann angewendet wird. Vielmehr er- fordert Wissensarbeit im hier gemeinten Sinn, dass das relevante Wissen kontinuierlich revidiert, permanent ver- besserungsfähig angesehen, prinzipiell nicht als Wahr- heit, sondern als Ressource betrachtet wird und untrenn- bar mit Nichtwissen gekoppelt ist, so dass mit Wissensarbeit spezifische Risiken verbunden sind“ (Willke 1998, 161; vgl. Dewe / Feistel 2010). Der sich gegenwärtig vollziehende Wandel von der material- zur wissensbasierten Gesellschaft beruht im Kern darauf, dass Information und Wissen zum entscheidenden Wirtschaftsfaktor und infolge des- sen Kommunikationsleistungen zu einem unver- zichtbaren Kriterium für die gestaltende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben avancieren (Glasmacher 1999). Die beschriebene Ausdifferenzierung der Gesellschaft und die sich rasch verändernden „Spezi-
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=