Handbuch 5. Auflage

390 Hörster  Die Gefahr, dass sich unter den aktuellen Bedin- gungen der Sozialen Arbeit angesichts derartiger Fragen Leerstellen auftun, die mit Inhalten gefüllt werden, welche eher den Regeln einer „Rhetorik der Reaktion“ (Hirschmann 1992) folgen als päd- agogische Entscheidungen auch unter Handlungs- zwang begründbar zu machen, ist nicht von der Hand zu weisen – etwa wenn ein schlichtes und Komplexität unterlaufendes „Lob der Disziplin“ (Bueb 2007) in den Feldern der sozialen Arbeit Resonanz erzeugt oder betriebswirtschaftliche Kon- zepte undiskutiert um sich greifen. Erziehung als Sinn des Erziehens Obwohl Erziehung nicht einfach identisch ist mit dem empirischen und komplexen Vollzug, dem Erziehen, verweisen beide doch aufeinander. Sie bilden eine mit Spannung geladene Basisdifferenz der Pädagogik und können nicht unabhängig von- einander gedacht werden (Hörster 2001). Beide, die Erziehung und das Erziehen, lassen sich zeitlich in unterschiedlichen Kombinationen aufeinander beziehen. Erziehung bedeutet in einer ersten Kom- bination das beobachtbare Ergebnis vergangenen Erziehens, nämlich den in der Regel Heranwach- sende betreffenden Sachverhalt, erzogen zu sein. In diesem Fall bezieht man Erziehung meistens auf personale Zustände im Educandus. Im deutsch- sprachigen pädagogischen Denken wurde so ab dem beginnenden 18. Jahrhundert die erzieheri- sche Wirkung auf die Seele bezogen (Oelkers 1992). In unseren Tagen redet man von Dispositionen, Kompetenzen oder Persönlichkeitsentwicklung (Brezinka 1978). Jeweils in der Gegenwart wird hier ein Erzogensein in den Blick genommen, aus dem gefolgert wird, dass es sich durch die Wirk- samkeit vergangenen Erziehens entwickelt hat. Das vergangene Erziehen als wirksame Kraft zu rekon- struieren oder, was das gleiche ist: als Mittel, bleibt dabei in der Regel ein eher spekulativer Vorgang. Anhaltspunkte, um diesbezüglich universal gültige und situationsunabhängige Wirklichkeitsannah- men formulieren zu können, aus denen im strengen Sinne eine kausal-analytisch operierende Technolo- gie der Erziehung folgen könnte, gibt es nicht (Schwenk 1989). In einer anderen Kombination drückt Erziehung, und darauf legt dieser Beitrag ein besonderes Ge- wicht, eine in der vergangenen Zukunft vorweg- genommene Situation aus: diejenige, die wir uns von einem Erziehen imaginieren, das stattgefunden haben wird. In dieser Form läuft das jeweils gegen- wärtige Erziehen als ein Handeln ab, das mit einem konkreten Sinn versehen ist: dem als abgeschlossen phantasierten Akt des Erziehens. Wir können ihn uns als eine bestimmte Situation in einem be- stimmten Handlungsraum vergegenwärtigen. Der Sinn ist hier identisch mit einem Entwurf. Er kann enttäuscht werden, wenn er sich nicht erfüllt; le- diglich als Hypothese zu verstehen, muss er deshalb für Revision offen sein, wenn im pädagogischen Feld Probleme auftauchen und die entworfene Folgerichtigkeit durch wechselnde „situative An- reize“ (Oelkers 2001, 251) durchbrochen wird. Der Handlungsentwurf muss dann entsprechend der neu erfahrenen Problemsituation revidiert und angepasst werden. In beiden Kombinationsvarianten bedeutet Erzie- hung eine Möglichkeit des erzieherischen Han- delns. Der Entwurf, das Erziehen selbst und sein Ergebnis implizieren sich auf diese Weise wechsel- seitig: Die intendierte Erziehung entpuppt sich als jener Entwurf des Erziehens, der willentlich in Szene gesetzt werden muss und in dem sich ein „Möglichkeitssinn“ (Musil 1978) bemerkbar macht, wobei man davon auszugehen hat, dass im empirischen Erziehen sich das Potenzial einer stets komplexen Erfahrungssituation artikuliert. Erzie- hung als „entwordenes“ Geschehen und in der Gegenwart betrachtetes Ergebnis hingegen liefert die empirische Möglichkeit, von der ausgehend auf ein vergangenes Erziehen geschlossen wird. Kom- plexe situationale Geschehnisse, Vollzüge und Ar- beitsbögen des erzieherischen Handelns zu be- schreiben, ohne in irgendeiner Weise auf die je historisch spezifische Intentionalität (Ziele, Ent- würfe, Pläne) zu sprechen zu kommen, ist dem- nach nicht möglich. Mit andern Worten: Erziehen definiert sich durch die revidierbare Erziehung. Es gilt aber auch das Umgekehrte: Die revidierbare Erziehung bestimmt sich durch das Erziehen mit seinen Zufälligkeiten, Vagheiten, komplexen Ereig- nissen und konkreten Erfahrungen von problema- tischen Situationen; denn die Erziehung artikuliert sich im Erziehen, sie gehört immer schon dessen einerseits spezifisch empirischer, andererseits von ungewissen Möglichkeiten durchzogenen Welt an. Beide also, das Erziehen und die Erziehung, sind

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