Handbuch 5. Auflage
398 Winkler zu fassen sind, ist konstitutiv auf die Selbstdeutung und die eigene Perspektivität der einer Hilfe be- dürftigen Personen angewiesen. Es kann nur einge- schränkt dem Typus wissenschaftlich-technischer Rationalität, mithin einem Denken folgen, das überprüf- und messbare, operationalisierte Vorstel- lungen der Ausführung zugrunde legt; Bildung und Erzogenheit sind zwar zu ermöglichen, aber nicht zu planen, schon gar nicht über die Köpfe derjenigen hinweg, welchen man sie als Zustände dann zusprechen will. Wenngleich sich Erziehung begründet organisieren lässt und Regeln folgt, bleibt sie auf die Mitwirkung der Subjekte ange- wiesen. So knüpft der Pädagoge an Entwicklungs- prozessen mit eigener Dauer an, der Sozialarbeiter wartet ab, bis den Akteuren eine Lebenspraxis wie- der möglich ist, die sie als Subjekte selbst bewälti- gen, ohne in Konflikt mit den Wertesystemen einer Gesellschaft einzutreten oder in diesen zu verblei- ben. Beides, die von Naturvorgängen nicht zu lö- sende Entwicklung von Subjekten wie die Not- wendigkeit, auf das zu hören, was Menschen über sich selbst befinden, eröffnet aber den Blick auf die Potenzen, die unterstützt werden können. Der Be- griff der „Bildsamkeit“ (Herbart 1835 / 1902; Flit- ner 1983; kritisch: Schwenk 1987) fasst diesen Koinzidenzpunkt von Selbstwirksamkeit und Be- einflussung, in dem sich eine Eigenheit des Einzel- nen zeigt, die seit Maria Montessori als individuelle Normalität den Maßstab pädagogischen Handelns gibt. Erziehungsziele – in aller Unklarheit Diesen Einsichten steht nun gegenüber, wie im All- tag, im politischen und öffentlichen Leben, selbst sogar in pädagogisch fachlichen Zusammenhängen mit völliger Selbstverständlichkeit Erziehungs- und Bildungsziele behauptet werden. Sie finden sich in kaum zu überblickender Vielzahl, sind häufig noch zueinander, wenn nicht sogar in sich selbst inkon- sistent: Ziele zeigen sich in religiösen Erwartungen. Erziehung soll Heilserwartungen für die ganze Menschheit verwirklichen wie in dem Einzelnen den Glauben an Gott und die unbedingte Achtung vor den Religionsgemeinschaften verankern. Als Ziel von Erziehung und Bildung werden die (in Bayern sogar als Verfassungsziel normierte) Liebe zur Heimat oder dieTreue zur Verfassung festgesetzt. Verlangt werden Naturverbundenheit und die Be- reitschaft, einen nachhaltigen Umgang mit Natur zu erlernen und zu praktizieren. Zugleich sollen junge Menschen die Aufmerksamkeit für Technik und Wissenschaft entwickeln, gewünscht wird das Inte- resse für eine Wirtschaft, die nach Marktprinzipien und daher unter Konkurrenzanforderungen gestaltet sein soll. Gegenüber dem Homo Oeconomicus, der sich der Rationalität und Effizienz einer Leistung für die Profitmaximierung beugt, sollen Altruismus, Nächstenliebe und Fürsorglichkeit verinnerlicht werden. Als Ziele treten endlich auf: der unbefan- gene Umgang mit neuen Medien, die kritische Me- dienkompetenz und endlich die Zurückhaltung ge- genüber elektronischen Medien, weil diese als Ursache von Gewalttätigkeit angesehen werden. Schulen sollen aber in die Nutzung des Computers einüben und zugleich lehren, das Buch der elektro- nischen Informationsinkontinenz vorzuziehen. Offensichtlich gibt es also keine Kriterien, um über Sinnhaftigkeit und Geltung von Erziehungs- und Bildungszielen zu entscheiden. Schon deshalb liegt nahe, Ziele als der Pädagogik allein äußerlich zu betrachten (es sei denn, dass objektiv die geistige und moralische Verwirrung angestrebt wird). Er- staunlicherweise behandeln jedoch selbst Fach- lexika die Thematik mit großer Selbstverständlich- keit, ausführlich und intensiv (s.a. willkürlich ausgewählt: Rein 1904 bis Ladenthin 2008), aber wenig kritisch gegenüber dem Problem des Zu- standekommens von Effekten pädagogischen Han- delns. So bleibt nicht nur die Kausalitätsproblema- tik unbeachtet (Spranger 1962 / 1969), sondern die von Niklas Luhmann so genannte Technologiepro- blematik mit der Schwierigkeit, dass in der Pädagogik „nicht-triviale Maschinen“ wie „triviale Maschinen“ angesehen werden sollen (Luhmann 2004, 37). Menschen werden wie Geräte behan- delt, an welchen man nur Einstellungen ändern muss, damit sie effizienter laufen und das leisten, was von ihnen erwartet wird (kritisch: Seichter 2007). Die Einträge der Nachschlagewerke debattieren dabei Ziele regelmäßig in einer Spannung zwischen entweder einer Feststellung und Rezeption ver- breiteter Vorstellungen oder in einer eigenen Set- zung und Festlegung von Erwartungen an das pädagogische Geschehen bzw. an die – meist – jun- gen Menschen. Solche gesetzten Erwartungen
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=