Handbuch 5. Auflage
402 Winkler Um 1800 vollzieht sich daher eine radikale Neu- bestimmung des pädagogischen Handelns. Pesta- lozzi entwirft in seinen „Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschen- geschlechts“ eine komplexe Anthropologie, die mit einfachen Modellen einer pädagogischen Einwir- kung bricht. Nach ihm lässt sich sinnvoll von Zielen nicht mehr reden, weil Erziehung bedeutet, mensch- liche Entwicklungsprozesse zu ermöglichen, die sich im Spannungsfeld eines Zusammenspiels von gött- lichen, natürlichen, gesellschaftlichen Einflüssen und eigener Wirkung und Selbstgestaltung vollzie- hen. Pädagogik heißt: Menschen müssen sich im Gang ihrer historischen Natur selbst begreifen und fassen, Erziehung kann dazu nur Anstoß geben. Kant erkennt im Zentrum des pädagogischen Han- delns das Freiheitsproblem– und fragt entsprechend: „Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange“ (Kant 1977, 711). Keineswegs formuliert er damit ein Ziel, das durch Erziehung erreicht werden soll. Für ihn sind Menschen schlicht frei, die Aufgabe be- steht allerdings darin, einen Umgang mit dieser Freiheit zu lernen, der nicht aus dem Blick verliert, dass und wie diese ständig durch die Zwänge be- droht ist, welche in einer Gesellschaft herrschen. Herbart und Schleiermacher schließen an, wenn sie in einer eigentümlich widersprüchlichen Figur die Pädagogik disziplinär wie gegenstandstheo- retisch verankern (Schleiermacher 2000). In dis- ziplinärer Hinsicht halten beide nämlich fest, dass die Pädagogik in engem Zusammenhang zur Ethik stehe und von dieser geradezu abhänge; die Psycho- logie gebe hingegen Auskunft über die Mittel der Erziehung. Gemeint ist damit aber, dass die kon- krete Pädagogik einer Zeit in ihren inhaltlichen Aufgaben auf die gesellschaftlich und kulturell ge- gebene Situation angewiesen ist, welche sich in den sozialen Tatbeständen zeige, zu welchen gegebene Normen gehören. Wer erzieht, kann die Gegeben- heiten nicht ignorieren und muss sich den zeitge- nössischen Erwartungen stellen; Erziehung findet nicht außerhalb und jenseits von Gesellschaften und Kulturen statt, selbst wenn sie einen Beitrag dazu liefern kann, dass Gesellschaft sich verändert, vielleicht sogar besser wird. Konkret verlangt dies, dass sich Erzieher Rechenschaft darüber abgeben, was sie denn – so Schleiermacher – mit der jünge- ren Generation wollen oder wie sie – so Her- bart – die eigenen Vorstellungen des Zöglings selbst dann aufgreifen und verwirklichen, wenn dieser noch gar nicht in der Lage ist, seine Zustimmung zu Handlungen des Erziehers zu geben. Angesichts der eigenen Erfahrungen mit einer im gesellschaft- lichen und kulturellen Wandel brüchig geworde- nen, daher in ihrer Entwicklung gar nicht mehr zu antizipierenden Welt, wird für Schleiermacher die Gegenwart zum Bezugspunkt pädagogischen Han- delns, sowohl als sozialer und kultureller Raum wie als Verfasstheit des Subjekts selbst, die ihre eigene Geltung und Tragfähigkeit haben. Damit tritt die Sachstruktur des pädagogischen Geschehens hervor: Unterstellt wird nämlich die Subjektivität des Zöglings, die mit Freiheit und Autonomie verbunden wird: Sinnvoll lässt sich von Zielen in der Erziehung nur im Blick auf Vorstel- lungen sprechen, die der Zögling in seinem eigenen Bildungsprozess als Ergebnis seiner Auseinander- setzung mit einer kulturellen Welt selbst setzt. In Anspielung auf Kant wie auf Fichte spricht Her- bart deshalb ganz konsequent aus: „Man kann die eine und ganze Aufgabe der Erziehung in den Be- griff: Moralität , fassen. (…) Moralität, als höchster Zweck des Menschen und folglich der Erziehung, ist allgemein anerkannt (…)“ (Herbart 1887, 259). Der Mensch bedarf demnach des „guten Willens“, der in enger Beziehung mit der Einsicht in das sitt- liche Gesetz stehe, „als eine Aeußerung der Frey- heit“ (Herbart 1887, 260). Nicht transzendentale, sondern reale Freiheit muss als unhintergehbare Bedingung des Erziehungsgeschehens angenom- men, vorausgesetzt und durch dieses verwirklicht werden; Freiheit ist also kein Ziel, sondern steht für das eigentlich pädagogische Problem. Herbart (1887, 261 f.) löst es: „Machen, dass der Zögling sich selbst finde, als wählend das Gute als verwerfend das Böse: dies, oder Nichts, ist Charakterbildung! Diese Erhebung zur selbst bewussten Persönlichkeit, soll ohne Zweifel im Gemüth des Zöglings selbst vorgehn, und durch dessen eigne Thätigkeit voll- zogen werden; es wäre Unsinn, wenn der Erzieher das eigentliche Wesen der Kraft dazu erschaffen, und in die Seele eines andern hineinflößen wollte. Aber die schon vorhandene, und ihrer Natur nothwendig getreue Kraft, in eine solche Lage zu setzen, dass sie jene Erhebung unfehlbar und zuverlässig gewiss vollziehn müsse: das ist es, was sich der Erzieher als möglich denken, was er zu erreichen, zu treffen, zu ergründen, herbeyzuführen, fort- zuleiten, als die große Aufgabe seiner Versuche ansehn muss.“
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