Handbuch 5. Auflage

404 Winkler  dieses den Landessitten entsprechend benutzt oder bei einem Dinner von außen nach innen ver- wendet. Nüchtern betrachtet entsprechen die in der Päd- agogik diskutierten Ziele also häufig banalen, ins Anthropologische reichenden Erwartungen an menschliche Selbstkontrolle und Selbststeuerung, die sich als Verhaltensmuster mit hoher Wahr- scheinlichkeit selbst einstellen, in den Auseinan- dersetzungen der Pubertät wie endlich in der Er- fahrung von Geschlechtlichkeit und eigener Bindung an Personen. Vernünftigerweise wird man nicht von Zielen sprechen, eher von Ent- wicklungsaufgaben oder von Warnzeichen für Bedingungen, unter welchen ein Aufwachsen nicht gelingen kann, das Selbstständigkeit zum Inhalt hat. Ein guter, freilich eigenartiger Sinn des Begriffs „Ziel“ besteht also darin, ähnlich Prüf- kriterien nach den Kontexten zu fragen, in wel- chen Menschen sich entwickeln und verändern. Über diese anthropologische Grunddimension hinaus wird man Auseinandersetzungen über Er- ziehungs- und Bildungsziele den Prozessen zu- rechnen, in welchen sich Gesellschaften und Kul- turen über sich selbst, ihre historische Situation und Entwicklung verständigen; es geht dann um die Geltung von sozialen und kulturellen Mus- tern. Gesellschaften und Kulturen regeln so das Verhalten. Sie sichern die Berechenbarkeit des anderen. An Ab- gründe führen Ziele aber, wenn sie nationale Dis- tinktionen und ethnische Differenzen aussprechen, oder soziale Unterschiede allzumal in den Mikro- zusammenhängen des Lebens verdeutlichen, um gesellschaftliche Statuspositionen zu bewahren. Sie werden als Ziele explizit, wenn Eltern ihren sozialen Status durch Verhaltensformung festigen wollen. Endlich zeigen sich die Dilemmata von Zielvorstel- lungen dort, wo Menschen mit unterschiedlicher Herkunft in einer Gesellschaft zusammengeschweißt werden sollen: Obwohl vor dem Hintergrund einer Migrationsgesellschaft naheliegend werden erstaun- licherweise wenig die international zu beobachten- denDebatten darüber rezipiert, wie Bildungssysteme mit Ureinwohnern – „Indigenous People“ – und deren Kulturen umgehen. Häufig werden die Ange- hörigen alteingesessener Stämme den üblichen na- tionalen Curricula unterworfen und gezwungen, sowohl deren explizite, in der Regel kognitive Ziele zu bewältigen, wie auch die impliziten kulturellen Normen solcher pädagogischen Programme zu eigen zu machen. Dies geschieht durch den Zwang, In- ternate (Boarding Schools) mit dem Effekt zu be- suchen, dass Kinder und Jugendliche ihrer Her- kunftskultur entfremdet werden, dabei schwere psychische Traumata erleiden oder erkranken. Eine Antwort gibt das Konzept der Diversity Education, das – im Sinne der oben eingeführten Unterschei- dung – weniger auf Lernziele für die Betroffenen, sondern auf Funktionen des Bildungssystems ab- hebt, also auf die Bewahrung eigenständiger kultu- reller Normen, Werte und Praktiken. Systematische Schwierigkeiten mit pädagogischen Zielen treten jedoch dann auf, wenn diese für ein Tun gelten, das nicht mehr als Verhalten sondern als Handeln beschrieben werden muss, weil es von Entscheidungen der Akteure abhängt. Ziele fordern nun allgemeine Fähigkeiten und Fertigkeiten, habi- tuelle Dispositionen und Personeneigenschaften, die sich in einem situationsangemessenen, gekonn- ten Handeln zeigen, aber auf moralische Entschei- dungsfähigkeit verweisen. Abgesehen davon, dass diese – wie Piaget und später Kohlberg gezeigt ha- ben – von Entwicklung und Alter abhängen, liegt ihre Tücke darin, dass sie mehrerlei zugleich ver- langen: Freiheit, Selbstständigkeit und Unabhän- gigkeit des Urteils, Wissen und Übersicht nicht zu- letzt über möglicherweise weitreichende Folgen eines Tuns, Bewusstheit und Sensibilität für andere, die Fähigkeit und Möglichkeit zur Perspektiven- übernahme wie endlich Kenntnisse von Gründen, mit welchen sich Verhalten rechtfertigen lässt – so- fern das in dilemmatischen Situationen überhaupt möglich ist. Solche Konzepte menschlicher Exis- tenz lassen sich kaum mehr als Ziele beschreiben, welche durch pädagogisches Handeln zu realisieren sein sollen. Denn sie formulieren einerseits Ideale menschlichen Lebens und transportieren eine zwar tiefgreifende emotionale oder gar eine moralische Qualität, die jedoch nicht zu erzeugen ist, sondern nur entstehen, sich bilden kann, dabei auf Rahmen­ bedingungen des Aufwachsens und der Entwick- lung angewiesen ist, die eben diese Erwartungen fördern. Die jüngere entwicklungspsychologische Debatte sieht beispielsweise die Entfaltung der Persönlichkeit als Hauptziel von Erziehung an, üb- rigens in Konkurrenz zur guten Funktion eines Menschen in einer Gesellschaft. Doch was bedeu- ten solche Vorstellungen allzumal unter der Bedin- gung, dass Gesellschaften selbst funktional diffe-

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