Handbuch 5. Auflage

412 Groenemeyer · Schmidt  gen und Folgen von Maßnahmen und Programmen beschränkt (Wirkungsmessung, Wirkungsbewer- tung und Wirkungsanalyse). Dementsprechend de- finiert Müller 1978 den Begriff der Evaluation für das Feld der Sozialen Arbeit bzw. der Sozialpädago- gik: „In einer ersten Annäherung an das, was man heute unter Evaluationsforschung in der Sozialpäda- gogik versteht, kann man also sagen: es handelt sich um Versuche, die Wirkung gesellschaftlicher Ein- griffe in soziale Tatbestände mit dem Ziel sozialpäd­ agogischer und häufig auch sozialpolitischer Ein- flußnahmeerfahrungswissenschaftlicheinzuschätzen und zu bewerten“ (16). Ganz ähnlich wird auch die Aufgabe der Evaluationsforschung in der ersten Auf- lage dieses Handbuchs formuliert (Hofmann/Fargel 1987, 319). Während hier Evaluation und Evaluati- onsforschung noch gleichgesetzt werden, reflektiert der Beitrag von Heiner in der zweiten Auflage (2001) bereits ein erweitertes Verständnis, das nicht nur qualitativen Perspektiven einen weiteren Raum gibt, sondern neben der sozialwissenschaftlich fun- dierten Evaluationsforschung eine praxisrelevante Programmatik für Evaluation in der Sozialen Arbeit formuliert und damit beide explizit trennt. Die sozialpädagogische Evaluationsforschung in Deutschland beginnt, folgt man dem Vorschlag Müllers (1978), in den 1950er Jahren mit einer summativen Evaluation der Heimerziehung (May 2010). Es folgten Evaluationsstudien zu Wir- kungsweisen und institutionelle Rahmenbedin- gungen von Jugendämtern, Jugendverbänden und kommunaler Jugendpflege sowie der Ausbildung von Erzieherinnen und Erzieher. Gleichzeitig set- zen im Rahmen der Problematisierung der „Bil- dungskatstrophe“ verschiedene wissenschaftliche Begleitungen von bundesweiten Modellversuchen in der Elementarerziehung und der außerschu- lischen Kinder- und Jugendarbeit ein, die aller- dings bereits in den 1970er Jahren wieder stark eingeschränkt wurden (Müller 1978; Spiegel 1993). Die Euphorie, (sozial-)politische Ent- scheidungen könnten auf Grundlage wissen- schaftlicher Erkenntnisse rational getroffen und damit verbessert werden, ebbte bereits in den 1970er Jahren mit dem allgemeinen Trend der kritischen Betrachtung politischer Planungen ab. Zudem zeigt sich, dass die Umsetzung wissen- schaftlicher Erkenntnisse in politische Entschei- dungen und sozialpolitischer Praxis nur äußerst selten beobachtet werden konnte (Müller 1978). So nahm der Schwung der sich entwickelnden Evaluationsforschung zumindest für das Feld der Sozialen Arbeit spätestens in den 1980er Jahren deutlich ab; Heiner (2001) hält für diese Zeit le- diglich eine Evaluationsstudie für den Bereich der Sozialpsychiatrie erwähnenswert. Politisch ein- flussreich wurde allerdings eine Studie zur Wir- kungsanalyse stationärer Drogentherapie (Raschke et al. 1985; Groenemeyer 1990), da ihre Ergeb- nisse vom Land gezielt eingesetzt wurden, um die damals noch heftig umstrittene Behandlung von Drogenabhängigen mit Methadon zu legitimie- ren. Der Rückgang wissenschaftlicher Evaluatio- nen korrespondierte allerdings auch mit der sich durchsetzenden Erkenntnis, dass eine politische Steuerung sozialpolitischer Programme ein äu- ßerst komplexer Prozess ist, bei dem man sich nicht unhinterfragt auf eine den Programmen entsprechende Umsetzung verlassen kann. Wäh- rend bislang häufig von einem einfachen Modell der Steuerung durch politische Entscheidungen ausgegangen worden war, entwickelte sich in den 1980er Jahren die Implementationsforschung zu einem florierenden neuen eigenständigen For- schungsfeld in Deutschland (Mayntz 1980; 1983). Während bis in die 1980er Jahre die Idee der Reform sozialer Projekte zur Steigerung der Inanspruch- nahme, Reichweite und Effektivität mit Hilfe wis- senschaftlicher Evaluationen und Begleitung im Vordergrund standen, veränderte sich spätestens in den 1990er Jahren die Perspektive mit den Entwick- lungen einer Dienstleistungsorientierung, neuer Steuerungsmodelle und eines damit verbundenen Diskurses der Qualitätssicherung in der Sozialen Ar- beit. Zwar führten diese Entwicklungen zu einer deutlichen Ausweitung von Evaluationsaktivitäten, insbesondere auf der Ebene der kommunalen und freien Anbieter sozialer Dienstleister, die nun im Rahmen von Verträgen mit Trägern zum Nachweis von Effektivität und insbesondere Effizienz gezwun- gen waren. Aber die Bedeutung wissenschaftlicher Expertise für die Formulierung von Reformprojek- ten und die Orientierung von Evaluationen an theo- retischen sozialwissenschaftlichen Modellen nahm relativ gesehen deutlich ab zugunsten des Effektivi- täts- und Effizienznachweises durch die Praxisorga- nisationen. Bei den meisten durchgeführten Evaluationen han- delt es sich um organisationsinterne Evaluationen,

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