Handbuch 5. Auflage
Evaluation und Evaluationsforschung 417 und Jugendarbeit (Nohl / Radvan 2010), zur Schulsozialarbeit (Schröder 2010) sowie diszipli- när- und handlungsfeldübergreifende Darstellun- gen (Flick 2006; Kuckartz et al. 2007; Bohn- sack /Nentwig-Gesemann 2010). Qualitative, ethnographische und hermeneutisch- rekonstruktive Ansätze der Evaluationsforschung orientieren sich im Wesentlichen auf subjektive Deutungen und Interpretationen der beteiligten Ak- teure sowie auf die Beobachtung und methodisch gestützte Deutung von Interaktions- und Aushand- lungsprozessen. Die besondere Qualität qualitativer Evaluationsforschung liegt darin, dass nicht nur Be- dingungen zu verschiedenen Messzeitpunkten be- obachtet werden, sondern der Prozesscharakter der Entwicklung von Betroffenen und an der Interven- tion beteiligten Akteure rekonstruiert werden kann, wobei insbesondere die subjektiven Interpretatio- nen, die das Handeln leiten, sichtbar und verstehbar gemacht werden können (Kardorff 2006). Klassische Formen von Kausalität, d.h. die eindeutige Erklä- rung und Messung von Maßnahmen als Ursachen von Veränderungen, spielt in qualitativen Evaluati- onsstudien nur eine untergeordnete Rolle. Dies kann aber dadurch gerechtfertigt werden, dass das klassische (quasi-)experimentelle Forschungsdesign von einem unrealistischen Modell der Wirkungs- weise von Interventionen ausgeht, wobei die von einer Maßnahme betroffenen als quasi passive Ob- jekte der Intervention vorgestellt werden. Dem- gegenüber operieren ethnographische oder herme- neutisch-rekonstruktive Modelle mit Vorstellungen von „Ursache-Wirkungs-Netzen“, in dem die Ak- teure mit eigenständigen Interpretationen und akti- vem Handeln eingreifen und so Intervention in die eigene Biographie integrieren (Kelle 2006). Gleich- wohl muss zugestanden werden, dass qualitative Verfahren in der Generalisierbarkeit und Repräsen- tativität ihrer Ergebnisse deutliche Nachteile gegen- über der „klassischen“ Evaluationsforschung auf- weisen, die sich allerdings über die Möglichkeiten fundierter Theorieentwicklung teilweise kompensie- ren lassen. Auch hierbei ist besonders die Idee einer Kombination aus verschiedenen Methoden und Modellen vielversprechend. Was die Formulierung und Einhaltung wissen- schaftlicher Standards angeht, so gelten auch für die qualitative Evaluationsforschung die „norma- len“ Standards qualitativer Forschung. Die Stan- dards beziehen sich bei diesen Modellen allerdings weniger auf die Phase der Datenerhebung als viel- mehr auf die Sicherstellung von Objektivität, Re- liabilität und Validität in der Auswertung (Flick 2006). Tatsächlich zeigen sich hier in der Praxis deutliche Schwächen und den durchgeführten Evaluationsstudien werden zumeist deutliche me- thodische Defizite attestiert (Lüders 2006). Sowohl die internationalen Evaluationsstandards des Joint Committee on Standards for Educational Evaluation (1999) als auch diejenigen der Deutschen Gesell- schaft für Evaluation (2008) (DeGEval) beziehen sich z.T. auch explizit auf qualitative Evaluationen und sind für die Felder der Sozialen Arbeit an- wendbar. Anwendungs- und praxisfokussierte Evaluationen Die Übergänge qualitativer Evaluationsforschung zur Evaluation ohne Anspruch auf Wissenschaft- lichkeit sind fließend. Ausgehend von der als ge- ring eingeschätzten Praxisrelevanz klassischer Eva- luationsforschung haben sich bereits in den 1980er Jahren zunächst in den USA Ansätze entwickelt, die unter dem allgemeinen Etikett „ utilization fo- cused evaluation “ verschiedene Modelle wie „ dia- logorientierte oder partizipative Evaluation “, „ expe- rimentierende Evaluation “ oder Selbstevaluation vereinen. Ihnen ist gemeinsam, dass sie eine Er- höhung der Praxisrelevanz der Evaluation prokla- mieren, dabei aber den Anspruch auf Wissen- schaftlichkeit z.T. explizit zurückweisen. Dialogorientierte und partizipative Evaluation erhe- ben den Anspruch, alle Programmbeteiligten in die Bewertung der Zielerreichung mit einzubeziehen, wobei alle möglichen Formen der Informations- gewinnung herangezogen werden (Schröder /Stre- blow 2007). Partizipative Evaluation basiert auf dem Ansatz des appreciative inquiry (Walter 2007) und wurde im Rahmen der Evaluation im Bereich der politischen Bildung im deutschsprachigen Raum eingeführt. Insbesondere für diesen Bereich wird der partizipativen Evaluation eine besondere Bedeutung zugesprochen, da ihr Prozess selbst bereits demokra- tisch angelegt ist und dadurch politische Lernpro- zesse anregt. Diesen Formen der Evaluation liegt die Annahme zu Grunde, dass die Bewertungsnormen eines Programms, Projektes oder einer Maßnahme nicht allein durch die Auftraggeber oder Evaluatoren
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