Handbuch 5. Auflage

418 Groenemeyer · Schmidt  bzw. Evaluatorinnen vorgegeben werden dürfen, sondern dass die Zielgruppen in die Bewertungen mit einbezogen werden müssen. Auch wenn etliche Autoren und Autorinnen, die diese Modelle pro- pagieren, explizit von den Standards wissenschaftli- cher Forschung abrücken, so ist grundsätzlich nicht ausgeschlossen, das diese Formen der partizipativen Zielbestimmung von Maßnahmen und Interventio- nen auch Bestandteil klassischer Evaluationsfor- schungsdesigns sein und dort die Validierung der Zielbestimmung anleiten könnte. Allerdings verste- hen sich diese Modelle eher selbst als eine Form von Maßnahme, von der man sichWirkungen verspricht (z.B. demokratisches Bewusstsein). Dann erscheint allerdings das Etikett „Evaluation“ überflüssig. Einen anderen Fokus haben Modelle experimentie- render Evaluation , bei der mehrere Variationen und Varianten von Interventionen empirisch und durch Gedankenexperimente durchgespielt werden. Sie „zielen primär auf eine Optimierung der Praxis. Erkenntnisinteressen, die nicht direkt mit diesem Ziel verknüpft sind, werden nachrangig behandelt“ (Heiner 1998, 25). Im Prinzip handelt es sich hier- bei um ein reflektiertes Experimentieren von Fach- kräften bei der Entwicklung von Praxiskonzepten und ihrer Umsetzung. Dies ist von zentraler Be- deutung für die Weiterentwicklung fachlich-pro- fessioneller Praxis, aber auch hier ist nicht erkenn- bar, warum dafür der Begriff der Evaluation verwendet werden soll. Selbstevaluation , wie sie Heiner (1988) und von Spiegel (1993) entwickelt haben, wird manchmal als eine genuine Evaluationsmethode der Sozialen Ar- beit vorgestellt. Sie ist ein Prozess der strukturierten Selbst- und Methoden/Interventionsreflexion am konkreten Einzelfall durch die beteiligten Fach- kräfte. Das Ziel der Selbstevaluation in der Sozialen Arbeit ist es nicht, wissenschaftlich verwertbare Da- ten und Erkenntnisse zu produzieren, die dazu ge- eignet sind, Programme, Methoden, Projekte oder Maßnahmen über die eigene Praxis der durchfüh- renden Fachkräfte hinaus umfassend zu bewerten. Durch den Einsatz der Selbstevaluation sollen die Fachkräfte ihr eigenes Handeln in jedem konkreten Einzelfall systematisch reflektieren und nach eige- nen, nicht von außen vorgegebenen Maßstäben be- werten. Methodisch kann sich die Selbstevaluation auch quantitativer und qualitativer Forschungs- methoden bedienen, sie nutzt aber eher Konzepte, Methoden und Erfahrungen aus Supervision und Organisationsberatung. Selbstevaluation ist somit ein zentrales Element methodischen Arbeitens und sollte der sozialpädagogischen Intervention integriert werden (Spiegel 1993). Hierin drückt sich allerdings zunächst nicht mehr aus als ein professionelles Selbstverständnis der Sozialen Arbeit, womit aber der Begriff der Evaluation überflüssig wird. Politik und Praxis der Evaluation Die Evaluationsforschung und ihre Bedeutung scheinen einer konjunkturellen Entwicklung zu folgen. Sie ist zunächst einmal in ihrer Entstehung und Entwicklung eine direkte Reaktion auf An- forderungen durch das politische System und ent- stand nicht aus einem sozialwissenschaftlichen Erkenntnisinteresse oder durch Professionalisie- rungsinteressen der sozialpolitischen Praxis. Von daher sind auch der Charakter und die Bedeutung der Evaluationsforschung unmittelbar mit Ent- wicklungen der Politik verbunden. Ursprüngliche Grundidee der Evaluationsforschung war die Nachfrage der Politik nach einer wissenschaftli- chen Beratung zur Grundlegung politischer Ent- scheidungen (Weingart 2001). Mit Hilfe der Wissenschaft sollten effektive Reformprogramme initiiert und durchgeführt und hinsichtlich ihrer Auswirkungen bewertet werden, um so zu einer Weiterentwicklung und rationaleren Politik zu gelangen. Dementsprechend entwickelte sich ein erster Boom der Evaluationsforschung zu Beginn der 1970er Jahre als unmittelbare Folge der Re- formära Brandt / Scheel, in der vielfältige soziale Reformprogramme und Modellprojekte auf der Grundlage von Vorstellungen gesamtgesellschaft- licher politischer Planung initiiert wurden. Die Sozialpolitik und die Soziale Arbeit erfuhren eine deutliche Ausweitung und wurden direkt in den Prozess der wissenschaftlichen Beratung einbezo- gen. Aufgrund der Evaluationsergebnisse sollten rationale Entscheidungen über Fortführung, Ein- stellung oder Veränderung der Programme, Pro- jekte und Maßnahmen getroffen werden. Doch bereits 1978 konstatierte Müller, dass die Ergeb- nisse der Evaluationsforschung weder eine Ände- rung sozialpädagogischer Praxis noch einen Ein- fluss auf politische Entscheidungen bewirkt hätten. Mittlerweile war zudem die „Reform- und Planungseuphorie“ deutlich abgekühlt und in-

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