Handbuch 5. Auflage

Familie 425 bensgemeinschaften sowie im Anstieg der Schei- dungsquote. Als Erklärung für diesen Wandel fa- miliärer Strukturen führen sozialwissenschaftliche Forschungen zwei unterschiedliche Ansätze an: Die historische Entwicklung zur modernen Kleinfa- ■ ■ milie wird als Ergebnis eines gesellschaftlichen Dif- ferenzierungsprozesses angesehen. Dabei ver- lagern sich eine Reihe von sozialen Funktionen, für die ursprünglich die Familie zuständig war, auf an- dere gesellschaftliche Teilsysteme wie z.B. das Bil- dungswesen. Dadurch entwickelt sich die Familie zunehmend zu einem Ort des intimen Zusammen- lebens, der nicht mehr unhinterfragbare Gültigkeit besitzt (Nave-Herz 2002a). Die aus ■ ■ Modernisierungs- und Individualisierungs- prozessen resultierende Optionserweiterung der Lebensgestaltung erhöht die Bedeutung innerer Verbindlichkeit für die Gestaltung von Beziehun- gen. Damit wird der Aufbau von dauerhaften und verbindlichen Beziehungen zu einem Prozess der selbst gestalteten und selbst verantworteten Insti- tutionalisierung. In der modernen Gesellschaft steht somit der Deinstitutionalisierung gesell- schaftlich vorgegebener Beziehungsformen die fra- gilere Reinstitutionalisierung von Familie als selbst- gestalteter Prozess gegenüber (Tyrell 1988; Kaufmann 1995; Schneewind 2002). Aktuelle Befunde zu Familienformen Partnerschaft und Ehe Die klassische Ehe bildet statistisch immer noch die Basis der Familie schlechthin: So wuchsen im Jahr 2005 82% (alte Bundesländer) bzw. 62% (neue Bundesländer) aller Kinder unter 18 Jahren in einer herkömmlichen Kernfamilie auf (Peuckert 2007). Allerdings verändern sich in der modernen Gesellschaft die emotionalen Grundlagen von Be- ziehungen, die nicht mehr nur eine lebenslange Verbindung als Ideal haben, sondern vor allem auf dem Selbstzweck der emotionalen Befriedigung der Partner basieren. Die Institution Ehe erleidet in der modernen Gesellschaft hierdurch einen erhebli- chen Attraktivitätsverlust (Peuckert 2007): In Westdeutschland vertreten nur 39% der 18- bis 30-Jährigen die Ansicht, dass man heiraten sollte, wenn man auf Dauer mit einem Partner zusam- menlebt. In Ostdeutschland liegt diese positive Einstellung zur Ehe sogar nur bei 27% (ALLBUS 2002). Den Grund für diese Tendenz sehen Sozial- wissenschaftler in der Abnahme der sozialen und ökonomischen Vorteile, die mit einer Eheschlie- ßung verbunden waren, in den verlängerten Aus- bildungszeiten sowie in den Veränderungen des Geschlechterverhältnisses. Die Ehe als lebenslange Partnerschaft wird jedoch nicht als Institution ge- ring geschätzt. Gerade die Fokussierung auf die emotionale Bedeutung und Authentizität einer Partnerschaft führt dazu, dass Personen stärker kritisch abwägen, längere Probezeiten des Zusam- menlebens für sich in Anspruch nehmen und eher bereit sind, sich von einem Partner zu trennen, falls die Beziehung als unbefriedigend erlebt wird. Ent- sprechend gestaltet sich das Scheidungsrisiko unter Eheleuten: Statistisch werden etwa 40% der in den letzten fünf Jahren geschlossenen Ehen wieder ge- schieden, wobei die jeweilige Länge der Ehezeit sehr unterschiedlich ist (Nave-Herz 2002). Generationsdifferenzierte familiale Lebensformen Deutschland weist neben Spanien und Italien die niedrigste Geburtenrate in Europa auf (Statistisches Bundesamt 2005). Die Gründe für diese Entwick- lung liegen im Rückgang kinderreicher Familien mit drei oder mehr Kindern sowie im gestiegenen Wunsch der 20- bis 39-Jährigen, keine Kinder zu haben. So geben in dieser Altersspanne 15% der Frauen und 26% der Männer an, keine Familie mit Kindern gründen zu wollen. Allerdings entscheiden sich knapp drei Viertel aller Beziehungspartner mit Kinderwunsch für mehrere Kinder, sodass Ein- Kind-Familien nicht expandieren. Mit dem auf- gezeigten Geburtenrückgang geht eine Zunahme später Mutterschaft zusammen. So beträgt das durchschnittliche Alter verheirateter Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes 29,6 Jahre. Auch neh- men nicht eheliche Geburten zu: Im Jahr 2005 fan- den in der Bundesrepublik 29% aller Geburten au- ßerhalb der Ehe statt (Statistisches Bundesamt 2005). Die Eheschließung folgt gegenwärtig zuneh- mend häufiger erst nach der Geburt des ersten

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