Handbuch 5. Auflage

Familie 427 dend mitgeprägt wird, bezeichnen die meisten Sozi- alwissenschaftler Deutschland mittlerweile als Ein- wanderungsland (Hamburger/Hummrich 2007). 74% aller Heranwachsenden ausländischer Her- kunft stammen aus Familien ehemaliger Anwerbe- länder wie der Türkei, Griechenland, Italien, dem ehemaligen Jugoslawien, Marokko, Portugal und Spanien (Hamburger/Hummrich 2007). Ein Schwerpunkt zu Familie und Migration liegt in der Erforschung der Passungsverhältnisse von Migrantenfamilien zu schulischer Bildung und schulischer Institution, Diskriminierung, sozialer Benachteiligung und Sprachproblematiken (Ham- burger /Hummrich 2007). Familienerziehung: theoretische Konzepte Wie vielfältig sich auch immer Familie gestaltet und welche privaten Lebensformen gegenwärtig möglich sind – von besonderem erziehungswissen- schaftlichen Interesse ist die Gestaltung der Erzie- hung in Familien, die Kinder haben. Familien- erziehung lässt sich dabei theoretisch aus der Perspektive von Generationen erklären (Ecarius 2007). Aus dieser Perspektive ist Familie als ein gegenseitig aufeinander bezogenes Miteinander von mindestens zwei bis drei Generationen zu ver- stehen (auch soziale Elternschaft, Verwandte, Großeltern). Erziehung ist nicht alleine an subjek- tiven Wünschen und Bedürfnissen der Beteiligten ausgerichtet, sondern auch an soziokulturelle, öko- nomische und politische Dimensionen einer Ge- sellschaft gekoppelt. Zu unterscheiden ist folglich in Aufgaben und Leistungen (Ecarius 2009). Auf- gaben werden von der Gesellschaft an die Familie herangetragen wie das Familienrecht, normative Diskurse über Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter und Alter sowie sozialpolitische Entscheidungen wie die Kindergartenförderung oder Jugendhilfe. In den konkreten Interaktionssituationen im All- täglichen werden die Leistungen der Familie sicht- bar: Erziehung, Pflege, gegenseitige Hilfe und Un- terstützung, emotionale und soziale Anerkennung, Gesundheitsfürsorge, Haushaltsführung, emotio- nale Stabilisierung der Subjekte und familiale Ver- gemeinschaftung. In der Regel beginnt der Erzie- hungsprozess mit der Geburt des Kindes und konkretisiert sich in alltäglichen Interaktionen (Schütz 1981). Dabei beruht das Erziehungs- geschehen auf sedimentierten Interaktionsmustern. Diese beeinflussen als erfahrungsgeronnene kogni- tive Schemata Erziehungsinhalte und -strukturen. Familiale Erziehung lässt sich auf der analytischen Ebene in Inhalte und Beziehungsstrukturen (Eca- rius 2009) unterscheiden, sie umfasst gelungenes Erziehungshandeln genauso wie misslungene Er- ziehungshandlungen. Die Inhalte von Erziehung präsentieren sich in erzieherischen Interaktionen, in Gegenständen (z. B. Musikinstrument, Fernse- her) und der Gestaltung der sozialen und materia- len Strukturen der Räumlichkeit. Erziehung konkretisiert sich vor allem in (Bezie- hungs-)Strukturen (Ecarius 2002, 49): Sie sind durch die anfängliche Gebürtlichkeit des Kindes und seine Angewiesenheit auf Ältere asymmetrisch. Verbunden ist damit eine grundlegende Ambiva- lenz von Autonomie und Abhängigkeit. Zugleich fließen in die Beziehungsstrukturen von Erziehung zivilisationsgeschichtlich bedingte Machtstruktu- ren zwischen den Generationen ein. Daraus resul- tieren insgesamt für die Erziehungspraxis äußerst komplexe und widersprüchliche Situationen. Kennzeichnend für die private Erziehung sind der Modus der liebenden Anerkennung (Honneth 2003) und die Besonderheit, dass die Personen da- rin mit ihrer Ganzheitlichkeit ohne klare Rollen- zuweisung involviert sind (Ecarius 2010). Für das Kind besteht dabei die Besonderheit, dass es ein Bewusstsein von Bedeutungen und Sinn entwickelt und mit der Herausbildung eines Bewusstseins das Entstehen eines Selbst als Subjekt verbunden ist. Daraus resultieren stete Aushandlungsprozesse und Neujustierungen in der Beziehungsstruktur sowie den Inhalten der Erziehung (z. B. Ausgehzeiten, Taschengeld, Freundeswahl), wobei in der Erzie- hungspraxis das ganze Spektrum menschlicher In- teraktionen von positiver Anerkennung bis zu Missachtungsformen (Beleidigung, Ignoranz, Ver- nachlässigung, emotionale Kälte) möglich ist (Eca- rius 2009, 115). Jugend und Familie Nicht nur Kinder leben in Familien und werden erzogen, auch Jugendliche leben in der Regel bei ihren Eltern. Gegenwärtig ist die Erziehungszufrie- denheit der Jugendlichen im Alter von 10 bis 25

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