Handbuch 5. Auflage
428 Ecarius · Köbel Jahren relativ hoch (Fatke / Schneider 2005, 61 ff.): 56% geben an, dass sie ihre eigenen Kinder in etwa so erziehen wollen, wie sie selbst erzogen wurden; 15% würden ihre Kinder sogar genauso erziehen (61 ff.). Überhaupt ist die Familie für Jugendliche von er- heblicher Bedeutung, denn familiale Bindungs- muster, der Zusammenhang von jugendlichem Lebensentwurf und familialer Erziehung bzw. der Zusammenhang von Familie, familialen Interakti- onsmustern und jugendlichen Werteeinstellungen ist bemerkenswert. Auch bestehen Wirkungsver- hältnisse zwischen jugendlichen Lebensformen und familialer Armut (Eder 2008). Zwar entschei- den Jugendliche in Bezug auf Medien, Konsum, Kleidung und Sexualität weitgehend selbst, den- noch sind die Eltern (Buhl 2007) Einflussfak- toren. Die Shell-Jugend-Studie von 2000 konzentriert sich erstmals repräsentativ auf dieses Thema. An- hand der befragten 4544 Jugendlichen zeigt sich, dass „Gegenwartsorientierung, schwere Herausfor- derungen in der Zukunft, Rückwärtsgewandtheit und Commitment auf Widerruf“ eng mit „elterli- chem Zutrauen (negativ)“ bzw. „ängstlicher Be- sorgtheit (positiv)“ (Fuchs-Heinritz 2000, 90) zu- sammenhängen.Jugendlichemiteinerrespektvollen Verbundenheit mit den Eltern blicken zuversicht- lich mit einer langfristigen Lebensplanung in die Zukunft, treiben häufiger Sport, interessieren sich für Politik, gehen spazieren und möchten häufiger ihre Kinder so erziehen, wie sie selbst erzogen wor- den sind (Fuchs-Heinritz 2000, 75). „So können als wichtigste ‚wertbildende‘ Erziehungsstile also diejenigen der achtungsvollen emotionalen Zuwen- dung genannt werden, respektvolle Verbundenheit zwi- schen Eltern und Kind, Stolz auf und Zutrauen in das Kind und Anteilnahme an seinem Geschick. Beinahe ebenso wichtig ist die fordernde Erziehungshaltung“ (Fischer et al. 2000, 121). Die Familienorientierung setzt sich bis in die Ge- genwart fort (Hurrelmann 2002, 2006; Alters- gruppen von 12–25 Jahren). 72% der Jugend- lichen (Hurrelmann 2006) sind davon überzeugt, dass man eine Familie braucht, um ein gutes Leben zu haben. Generell schätzen ca. 90% der Jugend- lichen ihre Beziehung zu den Eltern als positiv ein. Ein Zusammenhang besteht vor allem zwischen dem sozialen Milieu der Eltern und der Freizeit- orientierung der Jugendlichen. Die kreative Frei- zeitelite stammt aus Familien des oberen sozialen Milieus und die Technikfreaks entspringen eher den unteren sozialen Milieus. Eltern mit guten ökonomischen Mitteln (ca. 30% aller Familien) eröffnen ihren Kindern beste Bedingungen, ent- sprechend befördern sie soziale Kompetenz und Selbstvertrauen. Ein weiteres Drittel an Familien verfügt über etwas weniger Ressourcen, die aber den Heranwachsenden ebenfalls relativ günstige Voraussetzungen ermöglichen. Allerdings kann ein weiteres Drittel (Eltern mit niedrigen Bildungs- abschlüssen) diese Ressourcen nicht zur Verfügung stellen, was sich sogar in den Familienbeziehungen widerspiegelt. In den unteren sozialen Milieus ge- ben nur 20% der Jugendlichen an, dass sie bestens mit den Eltern auskommen, in den oberen sozialen Milieus sind es 48% (Hurrelmann 2006, 60). Selbst der Erziehungsstil ist milieuspezifisch: 58% der Eltern der sozialen Oberschicht und lediglich 27% aus den unteren sozialen Milieus praktizieren einen regelgeleiteten Verhandlungshaushalt. Folg- lich erfahren Jugendliche aus den unteren sozialen Milieus eher ein ambivalentes Moratorium (Hur- relmann et al. 2006, 35; Brake 2008, 121). Diese Ergebnisse bestätigen sich international ver- gleichend (Meil 2006; Ponce 2006) für Spanien, Polen, Litauen, Südkorea und Chile (Busch / Scholz 2006): Die Planung der eigenen Biografie, die Zu- kunftsplanung von Partnerschaftsbindung und die Gründung einer eigenen Familie hängen eng mit den Erfahrungen in der Herkunftsfamilie ab. Nach King (2006) beeinflussen die Bindungsformen zwischen Jugendlichen und Eltern die Entstehung des Neuen in jugendlichen Lebensformen, wobei geschlechtsspezifische, ethnische und milieuspezi- fische familiale Erfahrungen ungleiche Chancen der Jugendlichen zur Folge haben (King 2006). Zu ähnlichen Ergebnissen über den Zusammenhang von Migrantenjugendlichen und Bildungserfolgen bzw. Misserfolgen im Kontext familialer Bedin- gungen gelangen, Boos-Nünning und Karakasoglu (2005) sowie von Wensiersksi und Lübcke (2007). Der Blick auf Familie ist auch in Studien über rechtsextremistische Jugendliche gerichtet (Möl- ler / Schuhmacher 2007). Hier zeichnet sich ein vielfältiges Bedingungsgeflecht ab: Weder die fami- lialen Bedingungen noch die milieuspezifischen Erfahrungen der Jugendlichen sind je alleine aus-
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