Handbuch 5. Auflage
44 Bitzan · Bolay „Adressat /Adressatin“ als relationaler Begriff Im Adressatenbegriff drückt sich ein sozialpolitisch kontextualisiertes und spezifisch präfiguriertes Ver- hältnis zwischen Institutionen / Programmen So- zialer Arbeit und den „Betroffenen“ aus, denn nur wenn Hilfe- oder Angebotsbedarf gewissermaßen institutionell festgestellt wird, werden Personen zu Adressaten. Wenn von AdressatInnen die Rede ist, stehen also nicht nur wie auch immer geartete all- tägliche Lebenssituationen oder Bewältigungspro- bleme von Personen im Fokus; vielmehr geht es bereits um deren institutionell-professionell kon- stituierte Formierung, um die Modalitäten ihrer professionellen Bearbeitung, um Auswirkungen auf die Lebensführung und um Erlebens- und Ver- arbeitungsweisen. Diese notwendige Rückbindung an die institutionalisierten Strukturbedingungen Sozialer Arbeit berge – so wurde kritisch einge- wendet – die Gefahr, zu sehr die institutionelle Per- spektive sozialer Hilfen zu fokussieren und Adres- saten letztlich auf ihre „Probleme“ oder ihre „behandlungsbedürftigen Seiten“ zu reduzieren (Homfeldt et al. 2008, 7). In eine ähnliche Richtung zielen forschungsmetho- dologische Einwände: Durch eine starke Fokussie- rung auf die Passung von Hilfe und Bedarf gerate allzu rasch die Rekonstruktion der subjektiven Deutungen von AdressatInnen in den Vordergrund derForschungsanstrengungen;Adressatenforschung könne sich dann nicht mehr kritisch zu den In- tentionen sozialer Organisationen verhalten. In der Folge drohten Adressaten zu einer abhängigen Va- riable zu werden, wenn es darum geht, soziale Dienste zu verbessern und die Frage der Passung von Hilfen werde auf die Seite der AdressatInnen verlagert (Graßhoff 2008). Einer kritischen Adres- satenforschung geht es nun darum, die Wahrneh- mung der Perspektiven der Betroffenen und ihre Handlungsbeschränkungen wie -möglichkeiten stark zu machen in diesem relational gedachten Gefüge – in metaphorischer Absicht als „Stimme der Adressaten“ ins Spiel gebracht (Bitzan et al. 2006; Thiersch 2008). In dieser Herangehensweise wird die Konstituierung der Adressatenposition als konflikthaftes Terrain der Auseinandersetzung ana- lytisch zugänglich. Die Frage nach Passungsver- hältnissen zwischen Angeboten der Sozialen Arbeit und den Nutzungsmöglichkeiten von Adressa tInnen ist dann eine unter vielen weiteren; und sie ist eher Folgerung denn Ausgangspunkt. Mit dieser Bestimmung des Adressatenbegriffs als relationales Verhältnis kann zunächst ein empha- tisch-unreflektiertes Verständnis von Eigenständig- keit / Losgelöstheit zurückgewiesen werden. Es ver- deutlicht zudem die Notwendigkeit eines Maßstabs in der Bewertung dieser Konstellation, die sich erst dann als angemessen qualifiziert, wenn sie „die Lebenssituation der Betroffenen und deren Ver- arbeitungsstrategien zum Ausgangspunkt nimmt“ (Kunstreich 1994, 92) und den Adressatinnen und Adressaten subjektive Anschlussmöglichkeiten an sozialpädagogische Angebote ermöglicht, sie bio- grafisch nutzbar werden lässt, ihre Handlungs- fähigkeit erweitert und den Grad ihrer Selbst- bestimmungerhöht.EinreflexiverAdressatenbegriff muss sich also einerseits gegen eine institutionalis- tische Funktionalisierung abgrenzen lassen und andererseits gegen ein subjektivistisches Verständ- nis eines dekontextualisierten Akteurs. Zum Subjektverständnis des Adressatenbegriffs (1) Angesichts der aktuellen Dominanz von neo- liberalen Aktivierungsstrategien in der Praxis der Sozialen Arbeit sieht sich Adressatenorientierung in der Gefahr des Anschlusses an die Figur des sich selbst entwerfenden und steuernden Individuums, das für die Genese eventueller Hilfebedürftigkeit alleinverantwortlich sein soll. Für einen kritischen Adressatenbegriff bedeutet dies, Subjekt und Sub- jektivität als grundlegend konflikt- und wider- spruchsbehaftet zu verstehen (Bolay /Trieb 1988); die Subjektkonstituierung der Akteure wird als ‚Arena‘ widerstreitender Konfliktfelder verstanden, in denen Anteile von Täter- und Opferseiten, An- teile von Gestalten und Gestaltetwerden, das Rin- gen um Anerkennung und Selbstwirksamkeit zu den je spezifischen, in Erscheinung tretenden indi- viduellen oder kollektiven Handlungspraktiken führen. Mit diesem Verständnis wird die Kritik am Konzept eines jeder Sozialität vorgängigen und au- tonomen Subjekts aufgegriffen (Zima 2000; Schroer 2001), ohne jedoch die Perspektive eines zu Selbst- bewusstsein und Selbstbestimmung fähigen Sub- jekts aufzugeben. Demnach ist Subjektivität „ein bestimmbares und graduierbares Potenzial mensch-
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