Handbuch 5. Auflage

440 Euteneuer · Sabla · Uhlendorff  Verschiedene familienpolitische Motive überlagern sich selbstverständlich in einzelnen familienpoliti- schen Maßnahmen, wie umgekehrt spezifische Ziele im Rahmen der Motivkomplexe nur im Zu- sammenspiel unterschiedlicher familienpolitischer Mittel erreicht werden können. Im Rahmen der Umsetzung familienpolitischer Ziele werden ge- wöhnlich rechtliche, ökonomische, ökologische (Infrastrukturmaßnahmen) sowie pädagogische Mittel unterschieden (Kaufmann 1982), wobei aufgrund der offensichtlichen Komplexität von Familiengründungs- oder Familienformentschei- dungen kaum eine gezielte Beeinflussung im Sinne klarer Mittel-Ziel-Relationen zu erreichen ist. Dies gilt erst recht für die hier besonders interessieren- den sozialpädagogischen Interventionsformen. Die explizite Kommunikation familienpolitischer Leit- bilder über Familienbildungsmaßnahmen oder so- zialpädagogische Interventionen im Rahmen einer pluralistischen Gesellschaft würde einerseits eine Anmaßung darstellen, erscheint andererseits aber auch in ihren Wirkungen höchst unsicher (Gerlach 2004, 122; Kaufmann 1982, 80 ff.). Gegenwärtig wird allerdings ein Paradigmenwech- sel in der Familienpolitik diagnostiziert, der nicht folgenlos für familiale Lebensformen sowie Soziale Arbeit mit Familien bleiben wird. Zwar ist noch umstritten, ob dieser Paradigmenwechsel, in dessen Zentrum der bisweilen ganz unverhohlen pro- pagierte „ökonomische Charme der Familie“ (Ris- tau 2005) steht, auf eine tatsächliche Ökonomisie- rung der Familienpolitik verweist oder ob er lediglich als familienpolitische Indienstnahme öko- nomischer Argumente zu deuten ist (Leitner 2008; Ostner 2008). Im Rahmen dieses Paradigmen- wechsels kommt jedenfalls der Politik der europäi- schen Union zentrale Bedeutung zu: Denn obwohl explizite familienpolitische Kompetenz bislang auf der Ebene der Mitgliedsstaaten verblieben ist, wer- den familienpolitisch relevante Leitlinien zu- sehends auf der Ebene der Europäischen Union gestaltet, um die unterschiedlichen europäischen Familienpolitiken im Sinne der offenen Koordinie- rungsmethode (OKM) aufeinander abzustimmen (Reinecke / Bauckhage-Hoffer 2008). Die zentralen familienpolitisch relevanten Leitlinien der EU sind dabei erkennbar auf das wirtschaftspolitische Ziel des Erhalts und der Stärkung der internationalen Konkurrenzfähigkeit des europäischenWirtschafts- raums abgestimmt und zielen etwa auf Erhalt und Steigerung des Arbeitskräftepotenzials oder auf eine Steigerung der Geburtenrate zur Konsolidierung der sozialen Sicherungssysteme (Lewis / Giullari 2005, 79). Unter (zumindest rhetorischem) Auf- griff emanzipatorischer Motive steht insbesondere die Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit durch Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt im Vor- dergrund, wobei die dazu notwendige Vereinbar- keit von Familie und Beruf weniger durch eine Um- verteilung informeller Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern als durch einen deutlichen Ausbau öffentlicher und privatwirtschaftlicher Betreuungs- leistungen erreicht werden soll. Diese familienpoli- tischen Leitlinien sind im Rahmen der OKM wei- terhin in operationalisierte Zielvereinbarungen umgesetzt worden, denen sich die Mitgliedsstaaten der EU verpflichtet haben. So sollte bis 2010 bei- spielsweise eine Steigerung der Frauenerwerbstätig- keit von etwa 55% auf 60% der weiblichen Bevöl- kerung im erwerbstätigen Alter erreicht werden (COM 2006, 3). Zugleich sollen für mindestens 90% der 3- bis 6-jährigen Kinder sowie 33% der Kinder unter 3 Jahren Betreuungsangebote ge- schaffen werden (EC 2002, 12). Im Rahmen der OKM sind damit konkrete familienpolitische Maßnamen der Einzelstaaten wie der Bundesrepub­ lik Deutschland zwar nicht durch europäische Poli­ tiken determiniert. Allerdings sind viele politische Einzelmaßnahmen wie z. B. die Einführung des einkommensabhängigen Elterngeldes oder der mit mehreren Gesetzesbeschlüssen vorangetriebene Ausbau der Kindertagesbetreuung deutlich durch die europäischen Zielvereinbarungen geprägt (siehe Abb. 1). Eine wichtige Rolle in Bezug auf die Koordination nationaler familienpolitischer Maßnahmen mit den familienpolitisch relevanten Leitlinien der EU kommt der 2007 von den Staats- und Regierungs- chefs der EU ins Leben gerufenen Europäischen Allianz für Familien zu (http://ec.europa.eu/em­ ployment_social/emplweb/families/index.cfm). Die Arbeit dieser Institution zielt darauf ab, den Aus- tausch familienpolitischer Ideen und Erfahrungen zwischen den Mitgliedsstaaten der EU zu fördern und familienpolitisch relevante Akteure in den Mit- gliedsstaaten (z. B. Regierungsbeamte, Dienstleister, Sozialpartner oder Vertreter von Organisationen der Zivilgesellschaft) über familienpolitische Vor- stellungen der EU zu informieren. Ein weiteres Bei- spiel für den Versuch, die informelle europäische

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