Handbuch 5. Auflage

Adressatin und Adressat 45 lichen Erlebens, Denkens und Handelns (…), dessen Entwicklung und Realisierung von angeb- baren sozialen Voraussetzungen und Bedingungen abhängig ist“ (Scherr 2008, 139 ff.). Ein kritisches Adressatenverständnis analysiert mithin die sozia- len Bedingungen und Formierungen der Subjekt- bildung und stellt dabei deren Abhängigkeit von Strukturen sozialer Ungleichheit in Rechnung. Subjektkritische Überlegungen aus dem Kontext der gouvernementalitätstheoretischen Debatten fordern ebenfalls, die historisch-spezifisch existen- ten „dominierenden Subjektivierungsweisen“ in den Blick zu nehmen und die Beteiligung der So- zialen Arbeit an deren „(Re)Produktion“ zu reflek- tieren (Kessl 2008, 263). Für ein kritisches Adres- satenverständnis, wie es sich im disziplinären Diskurs herauszuschälen beginnt, ist letztlich die Frage relevant, „wie Veränderung möglich ist und wie in benachteiligenden Lebenslagen Individuen als Akteure ihre Lebensverhältnisse beeinflussen können“ (Karl 2008, 60). (2) Eine Komponente der Subjektkonstitution lässt sich mit dem Konzept der Lebensbewältigung aus- leuchten, in dem Sozialpädagogik als „gesellschaftli- che Reaktion auf die Bewältigungstatsache“ (Böh- nisch 2005, 1119) skizziert wird. Die immer wiederkehrenden Probleme sozialer Desintegration in der modernen Gesellschaft, die von den „freige- setzten“ Subjekten bewältigt werden müssen, ver- mitteln sich in biografischen Integrations- und In- tegritätskrisen. „Lebensbewältigung“ fokussiert in diesem Zusammenhang das psychosoziale Streben nach Handlungsfähigkeit, welches sich in Impulsen aus den vier Grunddimensionen Selbstwert, soziale Eingebundenheit und Anerkennung, soziale Orien- tierung und Selbstwirksamkeit äußert (Böhnisch 2002). Diese Impulse, deren Konturierung von der sozialen Lebenslage der Einzelnen beeinflusst wird, streben nach „unbedingter Verwirklichung, auch dann, wenn sie sie im gegebenen gesellschaftlichen Rahmen nicht finden“ können (Böhnisch / Schröer 2008, 50 f.). Mit dieser theoretischen Figur können die jeweiligen Vergesellschaftungsformen auf die individuell verfügbaren Muster der Bewältigung bezogen und so individuelle Lebensbewältigung an die gesellschaftliche Entwicklung rückgebunden werden (Böhnisch 2005). Dabei ist es zentral, ob und wie kritische Lebensumstände (z. B. Armut, Arbeitslosigkeit, alleinerziehend zu sein) sozialpoli- tisch so anerkannt werden, dass damit Ansprüche auf sozialstaatliche Leistungen generierbar sind. Der Grad der sozialpolitischen Akzeptanz entschei- det damit wesentlich auch über Varianten des re- gressiven oder erweiterten Bewältigungshandelns. Angebote der Sozialen Arbeit können insofern als „Bewältigungsumwelten“ betrachtet werden (Böh- nisch / Schröer 2008, 51). (3) Damit ist die sozialpolitische Bestimmung von Bedürfnissen bzw. Problemlagen im Hinblick auf die Ausbildung von Handlungsfähigkeit dem Be- griff „Adressat“ inhärent. Individuen oder Gruppen werden dann zu AdressatInnen der Sozialen Arbeit, wenn in allgemeiner Form oder individuell ein Hilfe-, Erziehungs- oder Bildungsbedarf konsta- tiert wird und entsprechende Angebote nahegelegt werden. Damit werden normative Vorgaben ver- mittelt und Grenzen von Lebens- und Äußerungs- weisen durchgesetzt, d. h. bestimmte Bedürfnisse werden als zu Recht zu befriedigende anerkannt, andere wiederum nicht. „Die Schwere der Pro- bleme, die eigene Deutung der Problemlage oder die ‚objektive‘ soziale Situation von Menschen führt nicht zwangsläufig dazu, dass ‚Menschen‘ zu ‚Adressaten‘ werden“ (Graßhoff 2008, 403), son- dern Definitionen von normal und abweichend, von bildungs- und betreuungsbedürftig etc.. Für die Betroffenen bedeutet dies, sich mit professio- nell-institutionell verorteten Definitionen aus- einandersetzen zu müssen, über die ihre Lebens- situation klassifiziert und ihre Bewältigungsmodi beurteilt werden; und sie müssen dies in ihr Selbst- bild zu integrieren suchen. Sozialpädagogische In- tervention kann wahrgenommen werden als An- erkennung und Zuwendung (Chancen, Hilfe bekommen) oder etwa als Beschämung (es nicht allein zu schaffen, nicht „in Ordnung“ zu sein), und bildet wiederum als Deutungsangebot Mate- rial in den jeweiligen Subjektivierungsprozessen der AdressatInnen. Der Stand, was im gesellschaft- lichen Diskurs als „Bedarf“ anerkannt ist, ist als Ergebnis von gesellschaftlichen Auseinanderset- zungen zu analysieren: Nancy Fraser hebt in ihrer Analyse der „Politik der Bedürfnisinterpretation“ (1994, 249 ff.) auf den politischen Charakter nor- mativer Entscheidungen ab, die den fachlichen In- terventionen vorgelagert sind. In ihrem zugrunde liegenden Modell des sozialen Diskurses erscheint die auf Bedürfnisse bezogene Rede „als ein Kampf- platz, auf dem Gruppen mit ungleichen diskursi­ ven (und nicht-diskursiven) Ressourcen konkurrie

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