Handbuch 5. Auflage

442 Euteneuer · Sabla · Uhlendorff  am ,adult worker model‘ orientierten Familienpoli- tik sicherlich begrüßenswert sind, erscheint eine kritische Auseinandersetzung mit diesem (familien-) politischen Leitbild und seinen Konsequenzen dis- ziplinär notwendig. Soziale Arbeit mit Familien Wie bereits skizziert, kann Soziale Arbeit mit Fami- lien insofern als Umsetzung familienpolitischer Ziele verstanden werden, als durch diese von Seiten des Staates pädagogische Mittel zur Verfügung ge- stellt werden sollen, um die familiären Sozialisati- ons-, Kooperations- und Solidaritätsleistungen zu stärken oder zu ergänzen. Damit sollen zum einen mögliche Fehlentwicklungen bei Familien oder den einzelnen Mitgliedern verhindert und zum anderen bestehende Schwierigkeiten und Belastun- gen in Familien behoben oder zumindest gemildert werden. In der BRD wird ein Großteil der Rahmenbedin- gungen familienpolitischer Maßnahmen zwar durch das Bundesministerium für Familie, Senio- ren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) geregelt. Dort ist neben anderen Schwerpunkten die Verantwor- tung für Familienpolitik sehr umfassend im Sinne einer expliziten Familienpolitik und Familienför- derung zusammen mit der Verantwortung für die Kinder- und Jugendhilfe angesiedelt. Darüber hi- naus findet Soziale Arbeit mit Familien jedoch in einer Arena statt, in der Bund, die Länder und Kommunen, öffentliche und freie Träger der Wohl- fahrtspflege, Kirchen, Selbsthilfegruppen und viele weitere Organisationen und Verbände an der Pla- nung, (finanziellen) Ausgestaltung und Durchfüh- rung der Sozialen Arbeit mit Familien in unter- schiedlicher Weise beteiligt sind und damit eben auch häufig um die Deutungshoheit in dieser Arena streiten (Dienel 2002, 221 f.). Das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Familien und damit auch das Verhältnis von Staat und der Sphäre der Privatheit hat historisch vom ausgehen- den 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart einen Wandel vollzogen, der sich verkürzt mit den beiden Polen „Kontrolle“ und „Partnerschaft“ beschreiben lässt. Wiederkehrende sozialpolitische Debatten be- stätigen allerdings die Aktualität der These, dass „dieses Verhältnis immer wieder dann in die öffent- liche, politische und sozialpädagogische Diskussion kam und neu bestimmt wurde, wenn gesellschaft­ liche bzw. ökonomische Krisen wahrgenommen wurden“ (Mierendorff /Olk 2007, 543). Generell kann festgestellt werden, dass Soziale Arbeit sich mit dem Ausbau sozialpädagogischer Dienstleis- tungsangebote für Familien und deren Kinder und nicht zuletzt durch die Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes von 1990 (SGB VIII) eher als Dienstleisterin für Eltern denn als Kontrollorgan oder gar als Erfüllungsgehilfin familienpolitischer Maßnahmen versteht. Trotz der institutionellen Nähe zur Familienpolitik der Bundesregierung kann unterstellt werden, dass sich die Professionel- len in der Sozialen Arbeit mit Familien vor allem mit zwei der vier oben genannten familienpoliti- schen Motiven identifizieren können. Während die Profession nämlich dem bevölkerungspolitischen und dem familieninstitutionellen Motiv fast schon tradi- tionell kritisch gegenübersteht, ist Soziale Arbeit aus ihrem sozialpolitischen Selbstverständnis heraus be- müht, soziale Ungleichheiten öffentlich klar zu be- nennen und ihre Folgen durch die Praxis zumindest zu mildern. Zusammen damit dürfte am stärksten das emanzipatorische Motiv – einer an den unter- schiedlichen Mitgliedern einer Familie ausgerichte- ten Familienpolitik – den Zielen der Sozialen Arbeit mit Familien nahestehen. Über dieses professionelle Selbstverständnis hinaus muss sich Soziale Arbeit aber derzeit zunehmend kritisch fragen, ob sie mit einer Konjunktur von Eigenverantwortungspro- grammen nicht in der Gefahr steht, vermehrt als Aktivierungs- und Disziplinierungsinstanz genutzt zu werden (Oelkers 2009). Die Fülle an Hilfsangeboten für Familien ist auf den ersten Blick nahezu unüberschaubar und ebenso vielfältig wie die Adressatinnen und Adressaten der Sozialen Arbeit mit Familien selbst. Da das System an Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungseinrich- tungen über Jahrzehnte in zahlreichen professionel- len Traditionen auf- und ausgebaut worden ist und sich dabei dem häufig zitierten Wandel der Familie durch Hilfsangebote für Familien geöffnet hat, ge- stalten sich übersichtsartige Darstellungen von Handlungsfeldern, Leistungen und Zielgruppen der Sozialen Arbeit mit Familien entsprechend schwie- rig. Bisherige Versuche und entsprechende Publika- tionen konzentrieren sich oftmals auf nur einige wenige ausgewählte Arbeitsfelder und Methoden, die wegen ihres Bekanntheitsgrades allgemein als unstrittig gelten und daher gelegentlich synonym

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