Handbuch 5. Auflage

Familienpolitik, Soziale Arbeit mit Familien und Familienbildung 445 Familienbildung Während die zuvor genannten Beratungsstellen und die sozialpädagogische Familienhilfe ( →  Richter, Familienhilfe) in erster Linie problemzentriert und fallbezogen arbeiten, zielt die Familienbildung in be- sonderem Maß auf Prävention und Unterstützung der Erziehungsverantwortung. Familienbildung fin- det ihre gesetzlichen Grundlagen im SGB VIII, Ab- schnitt 2 „Förderung der Erziehung in der Familie“. Laut §16 SGB VIII sollen im Rahmen der Jugend- hilfe Müttern, Vätern, Erziehungsberechtigten und jungen Menschen Leistungen der allgemeinen För- derung der Erziehung angeboten werden, um die Erziehungsverantwortung besser wahrnehmen zu können. Im Rahmen der Familienbildung werden dementsprechend gruppen- und themenspezifische Bildungsangebote für tendenziell alle Familien an- geboten, die an den Bedürfnissen, Interessen und Erfahrungen von Familien in unterschiedlichen Le- benslagen und Erziehungssituationen anknüpfen (siehe auch www.familienbildung.info ). Zentrale Ziele von Familienbildungsmaßnahmen sind auf Partnerschaft und das Zusammenleben mit Kindern vorzubereiten, zu einer erfolgreichen Familienerzie- hung beizutragen und Kenntnisse und Fähigkeiten zur besseren Wahrnehmung der Familienaufgaben zu vermitteln. Außerdem sollen Familien sowohl zur Mitarbeit in Erziehungseinrichtungen als auch in der Selbst- und Nachbarschaftshilfe ermutigt wer- den. Familienbildung kann sich je nach Angebots- form an einzelne Familienmitglieder oder an die ge- samte Familie wenden. Insofern sie einerseits Angebot der Jugendhilfe ist, sich andererseits jedoch zur zentralen Aufgabe gemacht hat, Mütter, Väter und andere Erziehungsberechtigte in ihrer Erzie- hungsverantwortung zu unterstützen, ist die Fami­ lienbildung im Spannungsfeld von präventiver Kin- der- und Jugendhilfe und Erwachsenenbildung anzusiedeln. Der Institution Familienbildungsstätte kommt im Rahmen der Familienbildung insofern eine beson- dere Rolle zu, als sie die einzige Einrichtungsform ist, die in größerer Zahl Mitarbeiter / -innen be- schäftigt und fast ausschließlich Leistungen der Familienbildung erbringt (Textor 2004, 156). Bun- desweit existieren ca. 500 Familienbildungsstätten, davon allein 189 in NRW (BMFSFJ 2005, 135; Lösel et al. 2006, 24). Aber auch selbsthilfeorien- tierte Einrichtungen, wie z. B. Mütterzentren, füh- ren Bildungsmaßnahmen für Familien durch. Es handelt sich dabei um 720 Einrichtungen im Bun- desgebiet. Daneben gibt es noch zahlreiche Erwach- senenbildungs- und Beratungseinrichtungen, die neben anderen Aktivitäten auch im Bereich der Familienbildung aktiv sind. Lösel et al. (2006) gehen von einer Gesamtzahl von 6200 Einrichtun- gen im Bundesgebiet aus, die im Bereich der Fami- lienbildung (einschließlich Beratung) tätig sind und Schätzungen von Pettinger und Rollik (2005, 135) zufolge im Jahr 2004 194.000 Veranstaltungen mit 3,344Mio. Unterrichtsstunden angeboten haben. Thematisch konzentrieren sich die Bildungsange- bote auf folgende Schwerpunkte (Textor 2004, 151 ff.; Lösel et al. 2006): Förderung der Erzie- hungskompetenz, der Eltern-Kind-Beziehung, der innerfamilialen Kommunikation und der Bewälti- gung von alltäglichen Familienaufgaben wie Frei- zeitgestaltung, Haushaltsführung etc. Das häufigste Angebot von Familienbildungsstät- ten sind Eltern-Kind-Gruppen. Sie werden von ca. 94% der Einrichtungen organisiert (siehe hierzu und im Folgenden die Untersuchung von Schiers- mann et al. 1998). In den Gruppen kommen Müt- ter oder beide Elternteile mit ihren Säuglingen und Kleinkindern (oder ohne diese) ein- oder zweimal in der Woche zusammen, um sich unter fachlicher Anleitung über die Entwicklung und Erziehung ihrer Kinder sowie über die Eltern-Kind-Beziehung auszutauschen. Eltern-Kind-Gruppen ermöglichen auch den Kindern, Gleichaltrigen zu begegnen. Es werden zusätzlich themenspezifische Elternabende und gemeinsame Freizeiten angeboten. Weitere Angebote sind Gesundheitsbildung, die von 91% der Einrichtungen durchgeführt wird, kreatives und musisches Gestalten (von 90%), An- gebote zu den Themen Pädagogik, Erziehung, Ent- wicklungspsychologie (von 88%), Geburtsvor- und -nachbereitung (von 85%), Hauswirtschaft und Ernährung (von 82%), Leben in der Familie (von 80%), Angebote zur gesellschaftlichen und politischen Bildung (von 70%), zu religiösen The- men (von 68%), zur Partnerschaft (von 63%), zu Fragen der Ökologie (von 58%), zur beruflichen Bildung (von 45%) und zur Ehevorbereitung (von 44%). Beim Angebot der beruflichen Bildung werden häufig standardisierte Lernprogramme an- gewendet. Ausgebildete „Trainerpaare“ führen die Kurse zur Ehevorbereitung durch. Viele Familien- bildungsstätten organisieren Selbsthilfegruppen

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