Handbuch 5. Auflage
446 Euteneuer · Sabla · Uhlendorff und Selbsterfahrungsgruppen. In dieser Hinsicht sind die Übergänge zu den Angeboten von Erzie- hungs- und Familienberatungsstellen fließend. Die oben genannten Daten stammen zwar aus den 1990er Jahren, wirft man aber einen Blick auf die aktuellen Programme der Fortbildungsstät- ten – über Internet zugänglich –, so zeigt sich, dass es in den letzten Jahren kaum oder nur tendenziell zu Veränderungen der Angebotsstruktur gekom- men ist (siehe auch die Untersuchung von Lösel et al. von 2006). Der überwiegende Teil der Angebote (63%) ist kostenpflichtig (Lösel et al. 2006, 8) und wird überwiegend von weiblichen Teilnehmerinnen ge- nutzt. Der Anteil der männlichen Teilnehmer be- trägt nur 17% (Lösel et al. 2006, 9). Das Personal von Familienbildungsstätten setzt sich aus haupt- amtlichen Mitarbeiterinnen (ca. 7%), Honorar- kräften (ca. 85%) und ehrenamtlichen Mitarbeite- rinnen (ca. 8%) zusammen. Überwiegend arbeiten Frauen in den Einrichtungen (Pettinger / Rollik 2005, 136). In Anlehnung und Pettinger und Rollik (2005) lassen sich folgende Ansätze der Familienbildung unterscheiden (auch Textor 2002, 151 ff.): Der 1. Familienlebensphasenansatz : Er geht davon aus, dass Familien aufgrund der Entwicklung der Kinder und der Eltern lebensalterspezifische Auf- gaben lösen müssen, die das Generationenverhält- nis verändern und zu einer Differenzierung der Rol- lenstruktur führen. Gegen diesen Ansatz wurde kritisch eingewendet, dass er sich zu sehr an Stan- dardbiografien und normativen Lebensverläufen orientiert und der Pluralisierung von Familienfor- men nicht gerecht wird (Pettinger / Rollik 2005, 32). Dennoch liefert der Ansatz Anknüpfungs- punkte für die Konzeption von Familienbildungs- angeboten. Lebensphasenspezifische Übergänge sind mit Krisen verbunden, deren Bewältigung fa- miliale Aushandlungsprozesse erfordern und be- stimmte soziale Kompetenzen voraussetzen, die erlernt werden können. Empirisch lassen sich vier kritische Übergansphasen nachweisen: der Über- gang von der Einzel- bzw. Paarsituation zur Elternschaft, der Übergang des Kindes in Betreu- ungs- und Bildungseinrichtungen, der berufliche Wiedereinstieg von Frauen in den Beruf (beispiels- weise nach der Elternzeit) und der berufliche Ein- stieg der erwachsen gewordenen Kinder. Zur Un- terstützung der Übergangsphase in die Elternschaft bieten Familienbildungsstätten ein breites Spek- trum an Angeboten an: Kurse zur Geburtsvorberei- tung, mehr oder weniger standardisierte spezielle Kurse für Eltern und Babys (wie z.B. „Elba“), Still- gruppen, Babymassage-Kurse, Krabbelgruppen, El- tern- und Kind-Training (z.B. „EFFEKT“). Als Bei- spiele fürAngebote, die Familien bei dem Übergang der Kinder in Bildungseinrichtungen unterstützen, sind die in jüngster Zeit entstandenen Projekte zur koordinierten Sprachförderung und Elternbildung zu nennen. Sie werden in enger Kooperation zwi- schen Grundschulen und Stadtteilmüttern durch- geführt und wenden sich insbesondere an Familien mit Migrationshintergrund (z.B. in Essen oder Ber- lin / Neukölln). Um den Berufseinstieg zu fördern, bieten Familienbildungsstätten Kurse an, die ähn- lich wie Selbsthilfegruppen organisiert sind. Der 2. aufgabenorientierte Ansatz geht davon aus, dass für die Bewältigung der alltäglichen Aufgaben des Familienlebens bestimmte Kompetenzen erfor- derlich sind, wie z.B. Verwaltung der Haushaltsmit- tel, Organisation der innerfamiliären Arbeitsteilung, Umgang mit Medien, Planung der Freizeitgestal- tung, gesunde Ernährung, Zeitmanagement etc. (Pettinger/Rollik 2005, 57). Im Hinblick auf die Bil- dungsangebote lassen sich drei Schwerpunkte un- terscheiden: Es handelt sich dabei erstens umAnge- bote, welche die hauswirtschaftlichen Kompetenzen fördern sollen und auf die Gestaltung des familialen Binnenraums abzielen. Hier sind u.a. Kurse zur ge- sunden Ernährung, zur Gestaltung des Wohnraums, zur Organisation des Haushalts und des wirtschaft- lichen Umgangs mit dem Haushaltsbudget zu nen- nen. Letztere spielen eine bedeutsame Rolle im Kontext von Armutsprävention. Einen zweiten Schwerpunkt bilden die Angebote der Mediener ziehung und Medienbildung. Der pädagogisch sinn- volle Umgang mit neuen Informations- und Kom- munikationstechnologien spielt dabei eine bedeut- sameRolle.SchließlichbildetdasThemaVereinbarkeit von Beruf und Familie einen dritten Schwerpunkt von aufgabenbezogenen Familienbildungsangebo- ten. In den letzten Jahren wurden einige Modellpro- jekte in enger Zusammenarbeit zwischen Familien- bildungsstätten und Betrieben durchgeführt. Ziel dieser Projekte ist es, Beschäftigte und Betriebe bei der Herstellung einer gelungenen Balance zwischen betrieblichen und familiären Anforderungen mit speziellen Angeboten der Familienbildung zu unter-
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