Handbuch 5. Auflage

46 Bitzan · Bolay  ren, um ihre jeweiligen Interpretationen legitimer sozialer Bedürfnisse als hegemoniale Interpretatio- nen zu etablieren“ (Fraser 1994, 256). Bedürfnis- politik ist dann der Zusammenhang von drei ana- lytisch zu unterscheidenden Momenten: Erstens der Kampf darum, ein gegebenes Bedürfnis als politisches und damit öffentliches, gesellschaftlich relevantes Thema etablieren zu können; zweitens der Kampf um die Interpretation des Bedürfnisses und damit die Chance, festzulegen, wodurch es zu befriedigen ist; drittens der Kampf um die Befrie- digung des Bedürfnisses, der Kampf darum, die Versorgung zu sichern oder zu verweigern. In praxi laufen die drei Momente zusammen und sind die entscheidenden Faktoren, mit denen bestimmt wird, wie aus Personen mit Bedürfnissen u. a. „Adressat­ Innen“ der Sozialen Arbeit werden. Für ein kri­ tisches Adressaten-Verständnis kommt daher der Kategorie des Konflikts eine wesentliche Bedeu- tung bei der Analyse der Handlungen und Strate- gien der verschiedenen Akteursgruppen zu (Bitzan 2000). (4) Handlungsfähigkeit konstituiert sich aber nicht nur in aktuellen Handlungsbedingungen, sondern wesentlich auch aus biografischen Selbstpräsenta- tionen. Biografie (als vorhersehbare und gestaltbare Biografie) „dramatisiert“ sich in der Gegenwart, in der Individuen in abnehmendem Maße über Tra- ditionen und klare gesellschaftliche Institutionali- sierungsprozesse eingebettet sind. Klassische Di- chotomien überlagern und durchdringen sich mit neuen Ungleichheiten und Widersprüchen, die gegebenen Herausforderungen sind oft so wider- sprüchlich, dass konsistente Übereinstimmungen zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und sub- jektiven Kohärenzen abnehmen (Bitzan 2006, 260). Biografie ist nicht lediglich Lebensgeschichte, sondern auch „soziale Wissensform“, in der die Ak- teure „Selbstkonsistenz in der Zeit hervorzubrin- gen“ suchen (Hanses 2003, 21). Die Selbstkon- struktionsleistungen der Subjekte sind jedoch zugleich Ausdruck sozialer Strukturiertheit, sie vollziehen sich nicht jenseits der sozialen Katego- rien wie Geschlecht und Klasse, der Erfahrungen mit der sozialen Lebenswelt, der kulturellen und spezifisch zeitgeschichtlichen Kontexte. Dieser Zu- sammenhang ist den Subjekten eher selten reflexiv gewiss; Erfahrungen der Sozialwelt sind sozusagen unbewusste Ressourcen eines „praktischen Sinns“ (Bourdieu 1993, 147 ff.), um sich in gesellschaftli- chen Feldern bewegen zu können. Damit wird im Biografiebegriff keine vorsozial gegebene Authenti- zität des Subjekts fokussiert, sondern Prozesse, in denen Individuen ihre Subjektivität gestalten – si- tuativ, widersprüchlich, als praktische Bewältigung. Soziale Arbeit fügt über ihre Deutungen, Angebote und Zuweisungen Elemente in diese Selbstkon- struktionen ein, die bei gelingender Passung zu ei- ner Produktion erweiternder sozialer Erfahrungen und damit der subjektiven Handlungsfähigkeit führen können. Sie kann aber ebenso beitragen zu Selbststigmatisierungen und Dramatisierungen, wenn Hilfen etwa mit Beschämungen und Repres- salien verbunden sind (Bolay 1998). Adressaten tragen also immer je unterschiedliche biografische Selbstkonstruktionen mit sich, die in der Wechsel- wirkung direkter oder vermittelter Erfahrungen mit der Sozialen Arbeit und dem eigenen Bewälti- gungshandeln entstanden sind. „Biographie“ er- weist sich damit als sinnvolles Konzept, „um die Dichotomie Individuum/ Institution aufzuheben. Es ist die gegenseitige Konstituierung institutionel- ler Prozesse, professioneller Praxis und Aneignungs- optionen der AdressatInnen“ (Hanses 2003, 37), die über diese Perspektive in den Blick kommt. Der Begriff „AdressatIn“ der Sozialen Arbeit zeigt sich in den hier dargestellten Dimensionen als ein Verhältnis, das sich in spezifischen Ausdrucksfor- men und Potenzialen der Handlungsfähigkeit äu- ßert, die durch psychosoziales Streben gesteuert und in welchen die institutionellen Kontexte und Deutungen eingelagert sind. Ausgehend von kon- flikthaften Dispositionen aus Subjektivierungs­ weisen in institutionellen Strukturen und hegemo- nialen Deutungskontexten konturiert sich ein Subjektbegriff, der mit bedürfnispolitischen und mit sozialpädagogisch disziplinären Konzepten zu Genese, Funktion und Bearbeitung sozialer Pro- bleme und fachlichem Handlungsbedarf in Ver- bindung gebracht wurde. Eine kritische Adressa- tenperspektive orientiert sich dabei an der Analyse von Subjektivierungsweisen, die individuelles Handeln als Agieren in systematisch konflikthaften Vorgaben, Aneignungen und biografischen Selbst- konstruktionen versteht; sie lässt sich dabei in de- mokratischer Perspektive von dem Erkenntnis- und Handlungsinteresse leiten, danach zu suchen, wie Veränderung möglich ist und in welcher Weise In- dividuen ihre Lebensverhältnisse in höheremMaße als bislang beeinflussen können.

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