Handbuch 5. Auflage
Adressatin und Adressat 47 AdressatInnenorientierung in Forschung und Praxis Diese Konturierung des Adressatenbegriffs verweist auf methodologische Perspektiven für die sozialpäd agogische Forschung und Praxis. (1) Kritische AdressatInnen forschung grenzt sich ab gegen Zugänge, die entweder in naiver Parteilich- keit nach der vermeintlichen „Eigentlichkeit“ oder „Unverstelltheit“ von AdressatInnen suchen oder die sich lediglich dafür interessieren, ob und wie subjektives Erleben von Hilfe in institutionelle Logiken passt und damit der punktgenauen Be- mächtigung der Betroffenen Vorschub leisten wür- den. Sie fokussiert stattdessen das Subjekt als Feld unterschiedlichster Konflikte, die bewältigt werden müssen, um sich als handlungsfähig erfahren zu können. Eine wesentliche Zielperspektive der AdressatInnenforschung besteht mithin darin, diese Konfliktfelder kenntlich zu machen, in ihren widersprüchlichen Anforderungen aufzudecken und dadurch manches als „produktives“ Handeln erkennen zu lassen, was üblicherweise als Abwei- chung oder Ungenügen betrachtet wird. Das be- inhaltet auch die Einbeziehung der biografischen Perspektive. Sie orientiert sich dabei in ihren Re- konstruktions- und Interpretationsverfahren an den oben genannten Dimensionen der Subjekt- konstruktion. Methodologisch folgt aus diesen Überlegungen eine systematische Einbeziehung der spezifischen Repräsentations-„Geschichten“ und -umstände der Befragten. So darf etwa der Respekt vor dem Eigensinn der AdressatInnen nicht zu einer Überhöhung ihrer Äußerungen füh- ren – eine Rekonstruktionsleistung auf Seiten der Forschenden muss das Gesagte in den Kontext von Biografie, Institution und Forschungsgegenstand stellen. Eine sorgsame Unterscheidung zwischen den subjektiven Deutungen des Nutzens von Hilfe leistungen, denen sich Befragte bewusst sind, und Kontextbedingungen, die Subjektivierungsprozesse konturieren, ist unabdingbar. (2) Als Paradigma einer engagierten Praxis bevor- zugt AdressatInnenorientierung eine hermeneu- tisch-reflexive Arbeitshaltung mit dem Anspruch, die sozialpädagogischen Hilfen an den Ressourcen und Bedürfnissen der AdressatInnen auszurichten. Sie muss in diesem Sinn bei der Analyse der Aus- gangssituationen präzise die je individuellen Rele- vanzen beleuchten. Die Frage nach dem Passungs- verhältnis von Angeboten stellt sich als Frage danach, ob die Soziale Arbeit in ihrer Institutiona- lisiertheit in der Lage ist, subjektive Bedarfslagen zu erkennen und Angebote zu machen, die Orien- tierung und Optionserweiterung in mindestens ei- nem Aktionsfeld (oder Konfliktfeld) der Subjekte bieten. Zu reflektieren gilt es, dass AdressatInnen immer bestrebt sind, sich in ihrer „Biografiearbeit“ mit dem eigenen Leben in der Welt zu versöhnen. Die darin liegende Bedürftigkeit im Kontext der biografischen Erfahrung gibt Hinweise für adä- quate institutionelle Unterstützungen im Sinne ei- nes sozialpädagogischen Verstehens. Das erfordert, nicht nach vorgefertigten Rastern der Bedarfs- und Problemdefinition zu entscheiden, d. h. den Eigen- sinn zu respektieren und Widerständigkeiten aus- zuhalten. In der Regel setzt dies ein sensibles Ein- lassen, eine vertrauensvolle Beziehung voraus, die es den AdressatInnen ermöglicht, Erfahrungen von Anerkennung zu machen, die ihre Handlungs- fähigkeit erhöhen. Eine adressatInnenorientierte Praxis orientiert sich daher am konkreten Alltag der NutzerInnen und entwickelt angepasste und flexible Angebote, die neben der Unterstützung immer auch Erfahrungen des sozialen Verortetseins (von Zugehörigkeit, von Kollektivität) beinhalten. Konflikt- und biografiesensibel verfolgt eine solche Arbeit letztlich die Perspektive, AdressatInnen ein höheres Maß an Bestimmung über das eigene Handeln zu ermöglichen (Bitzan 2006, 284). Vo- raussetzung dafür ist eine institutionalisierte, auf Dauer gestellte Selbstreflexion der Professionellen, mit Hilfe derer die institutionellen, professionellen und lebenspraktischen Abkürzungs- und Routini- sierungsprozesse auf den Prüfstand gestellt werden können. AdressatInnenorientierung ist darin kei- nesfalls nur fachlich notwendige Haltung der einzelnen Professionellen. Vielmehr braucht sie in- stitutionelle Strukturen, die den Betroffenen Par- tizipationsrechte, den Professionellen Reflexions- und Entscheidungsfreiheiten und den Trägern offene, flexible Arbeitsstrukturen ermöglichen.
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