Handbuch 5. Auflage

462 Olk  (Heinze / Olk 1981). Die freie Wohlfahrtspflege wurde immer enger in einen durch die öffentliche Hand regulierten kooperativen Verbund öffent- licher Aufgabenerledigung eingebunden. Dieses Kooperationsverhältnis hatte für die Wohl- fahrtsverbände erhebliche Vorteile: Mit dem Auf- gabenzuwachs der öffentlichen Hände und den erweiterten finanziellen Verteilungsspielräumen wurden den Verbänden der freienWohlfahrtspflege immer weitere Aufgaben zur arbeitsteiligen Erledi- gung übertragen und entsprechende finanzielle Zuwendungen und Leistungen bereitgestellt. Sozi- alstaat und freie Wohlfahrtspflege expandierten also im Gleichschritt. Allerdings waren hiermit auch unerwünschte Nebenfolgen verbunden: Je mehr (Gewährleistungs-)Verpflichtungen der Sozi- alstaat übernahm, desto mehr regelte er die Ziele und Modalitäten der Aufgabendurchführung nach rechtlichen und verwaltungsimmanenten Kriterien und Regeln. Die Kehrseite einer Politik der Auf- gabendelegation besteht daher in einer tendenziel- len Unterwerfung der freien Träger der Sozial- und Jugendhilfe unter die Kontrolle der Rechnungs- höfe und die Logik der Bürokratie. Bis weit in die 1970er Jahre hinein waren die Trä- gerverhältnisse im Bereich der Sozialen Arbeit wohl geordnet und überschaubar. Die öffentlichen Trä- ger der Sozial- und Jugendhilfe hatten es im We- sentlichen ausschließlich mit den traditionsreichen etablierten Jugend- und Wohlfahrtsverbänden zu tun. Dies änderte sich mit dem Entstehen einer breit ausgefächerten Szene selbstorganisierter Ini- tiativen, Projekte und Selbsthilfegruppen im Ju- gend- und Sozialbereich der 1970er und 1980er Jahre. Zum Teil als ausgesprochene Alternative zum herkömmlichen Wohlfahrtskartell entsteht und entwickelt sich eine Szene von kleinen, solida- risch organisierten Projekten, Initiativen und Selbsthilfegruppen, die sich insbesondere dadurch auszeichnen, dass sie in hoher Unabhängigkeit hinsichtlich Form und Inhalt ihrer Arbeit handeln, intern wenig hierarchisch strukturiert sind und oft einen traditionelle Arbeitsfelder übergreifenden, lebensweltbezogenen Arbeitsansatz verfolgen. Diese, zunächst überwiegend verbandsunabhängig ent- standenen Träger, Projekte und Initiativen wurden im Verlaufe der 1980er Jahre zunehmend auch von öffentlichen Trägern anerkannt und haben ins- besondere den Trägerbegriff des 1990 verabschie- deten Kinder- und Jugendhilfegesetzes (SGB VIII /KJHG) nachhaltig beeinflusst. So folgt das SGB VIII /KJHG nicht mehr umstandslos dem herkömmlichen verbändezentrierten Subsidiari­ tätsverständnis und zielt in vielen Paragraphen da- rauf ab, unter den Terminus der freigemeinnützi- gen Leistungsanbieter alle nicht-privatgewerblichen Organisationen zu fassen und damit neben den herkömmlichen Verbänden auch die selbstorgani- sierten Vereine und Initiativen ausdrücklich einzu­ schließen (Wiesner 1997). Kern dieses erneuerten Subsidiaritätsverständnisses ist nicht die Betonung eines formalen Vorrang-Nachrangverhältnisses zwi­ schen freien und öffentlichen Trägern, sondern ein inhaltlich-fachliches Subsidiaritätsverständnis, das denjenigen Trägern Vorrang gewährt, die den Nut- zern bzw. Adressaten ihrer Angebote ein hohes Maß an Einflussmöglichkeiten einräumen und die insgesamt einen lebensweltorientierten Ansatz ver- folgen. Vom Korporatismus zum Markt? Zur Neuordnung des Verhältnisses zwischen öffentlichen und freien Trägern in der Sozialpolitik Herausforderungen und politische Antworten Seit Anfang der 1990er Jahre zeichnet sich in der Sozialpolitik eine deutliche Neuakzentuierung im Verhältnis zwischen öffentlichen und freien Trägern ab. Der Staat (bzw. seine Untergliederungen) ent- wickelt unter veränderten ökonomischen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen ein neues Aufgabenselbstverständnis und bedient sich im Zuge seiner Binnenmodernisierung auch im Außen- verhältnis zu den nicht-staatlichen Akteuren neuer Steuerungsstrategien. Zu diesem Strategiewechsel des Staates haben verschiedene Entwicklungen und Bedingungsfaktoren beigetragen. Angesichts knapper werdender finanzieller Mittel in den kommunalen Haushalten, der Kosten der Deutschen Einheit sowie der nationalen Stand- ortkonkurrenz im Rahmen einer globalisierten Wirtschaft werden umfassende Konzepte einer Verwaltungsreform entwickelt sowie Bestrebun- gen zu einer Verbesserung staatlicher Steuerungs-

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