Handbuch 5. Auflage
466 Olk Dienstleistungsbereichen dafür, dass sie als ressour- censtarke Akteure auch weiterhin eine besonders be- achtenswerte Rolle im Sozialsektor spielen werden. Der Sachverhalt, dass die Wohlfahrtsverbände nicht nur Dienstleister, sondern darüber hinaus auch poli- tische Interessenvertreter für benachteiligte Gruppen und milieuverhaftete Weltanschauungs- bzw. Mit- gliederverbände sind, verschafft ihnen ein strategi- sches Handlungspotenzial, dass es ihnen ermöglicht, sich vergleichsweise erfolgreich den neuen politi- schen, sozialen und ökonomischen Rahmenbedin- gungen anzupassen. Dennoch darf der verbands- politische Reflexions- und Erneuerungsbedarf keineswegs unterschätzt werden. Dies hängt damit zusammen, dass im Zuge der weitreichenden Mo- dernisierungsprozesse des Sozialsektors traditions- reiche Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt worden sind. Solche Veränderungen dürften auch in den künftigen Jahren insbesondere von drei Seiten her auf die freie Wohlfahrtspflege und den gesamten Trägermix im Sozialsektor ein- wirken. Es sind (1) weitere Veränderungen der poli- tischen Rahmenbedingungen, (2) dynamische Ent- wicklungen auf den Sozialmärkten sowie nicht zuletzt (3) neue Herausforderungen im Zuge der Herausbildung von Engagementpolitik als einer neuen politischen Aufgabe zu erwarten. Wohlfahrtsverbände und aktivierende Sozialpolitik Was die staatlichen Steuerungsstrategien anbe- langt, so spielt hier insbesondere der Leitbildwech- sel vom „schlanken“ zum „aktivierenden“ Staat seit 1998 eine zentrale Rolle. Der aktivierende Staat hält – im Gegensatz zum „schlanken Staat“ – an einer umfassenden öffentlichen Verantwortung für gesellschaftliche Aufgaben fest, delegiert aber die Aufgabenerledigung im kooperativen Produktions- prozess öffentlicher Leistungen konsequent auf nicht-staatliche Akteure (v. Bandemer /Hilbert 2000; Olk 2000). Ein solcher, die Gesellschaft ak- tivierender Staat handelt als Rahmensetzer, Mode- rator und Vermittlungsinstanz, um gesellschaftliche Initiativen und Aktivitäten anregen, koordinieren und fördern zu können. Traditionelle Formen der hierarchischen Steuerung werden durch horizon- tale Formen der Governance ersetzt. Anstatt den Prozess der Erledigung öffentlicher Aufgaben durch nicht-staatliche Träger bürokratisch im Detail zu regeln, konzentriert sich der aktivierende Staat da- rauf, Ergebnisziele vorzugeben und deren Errei- chung zu überprüfen (Controlling, Evaluation). Ergebnisziele und Zielvereinbarungen werden mit Verfahren der Wettbewerbspolitik, des Qualitäts- managements und des Benchmarkings kombiniert, um effektive und effiziente Prozesse der Kopro- duktion öffentlicher Güter zu gewährleisten. Hinsichtlich des Verhältnisses zwischen öffent- lichen und freien Trägern in der Sozialen Arbeit ist in diesem Zusammenhang der Gesichtspunkt der „Leistungsaktivierung“ entscheidend. Im Unter- schied zu ordnungspolitischen Konzepten wie das Subsidiaritätsprinzip, das eine grundsätzliche Trennlinie zwischen den Aufgaben des Staates ei- nerseits und den Aufgaben der freien Träger ande- rerseits ziehen wollte, geht es bei der Gestaltung der Beziehungen zwischen staatlichen und nicht- staatlichen Trägern um Verfahren der Prozessopti- mierung bei der kooperativen Erbringung öffent- licher Aufgaben. Dies bedeutet vor allem, dass die Aufgabenteilung nicht nach sozialethischen Prinzi- pien, sondern nach funktionalen Gesichtspunkten ausgestaltet wird. Die öffentlichen Träger entschei- den danach auf der Grundlage versorgungspoliti- scher und betriebswirtschaftlicher Kriterien, welche Leistungen bzw. Leistungsanteile der öffentliche Sektor selbst zu erbringen beabsichtigt und beauf- tragt auf der Basis eines Kontraktmanagements nicht-staatliche Träger mit der Erledigung der ver- bleibenden Aufgabenanteile. Ein herausgehobenes Beispiel für solche neuen Strategien der Gover- nance sind sozialraumbezogene Verträge, bei denen einzelnen freien Trägern bzw. Trägerverbünden die Erledigung von Aufgabenpaketen für einen Sozial- raum übertragen werden (vgl. KGSt 1998). Wohlfahrtsverbände im Sozialmarkt Die freien Träger werden sich auch in Zukunft in einem Marktsegment bewegen, das im Vergleich zur Volkswirtschaft insgesamt ein überdurch- schnittliches Wachstum zu erwarten hat. Sowohl die demographischen Entwicklungen, als auch der Individualisierungsschub und die Einkommens- entwicklung sorgen für beachtliche Wachstums- spielräume auf den sozialen Dienstleistungsmärk- ten. Dieses Wachstum betrifft allerdings weniger
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=