Handbuch 5. Auflage

Freie Träger in der Sozialen Arbeit 467 denjenigen Teil der Nachfrage, der über Steuern und Sozialversicherungsbeiträge finanziert wird, sondern vielmehr diejenigen Teile, die durch Selbstzahler finanziert werden. Dies bedeutet, dass die Bezieher mittlerer und höherer Einkommen insbesondere in den Geschäftsfeldern des Gesund- heitswesens, der Altenhilfe und der Bildung in wachsendem Maße Qualitätsansprüche artikulie- ren werden, die durch die Kaufkraft dieser Nach- fragergruppen auch mit einer entsprechenden Durchsetzungsmacht verbunden sind. Diese Ent- wicklungen tragen dazu bei, dass die freie Wohl- fahrtspflege vor der Herausforderung steht, sich in Zukunft auf zwei unterscheidbaren, allerdings eng miteinander zusammenhängenden „Sozialmärk- ten“ wird behaupten müssen: Zum einen muss sich die freie Wohlfahrtspflege – wie bisher schon – auf dem staatlich geregelten Markt für soziale Dienst- leistungen (Quasi-Markt) positionieren. Auch in diesem Marktsegment, das als politisch geregelter Quasi-Markt ausgestaltet ist, treten die herkömm- lichen freien Träger in Konkurrenz zu anderen, ins- besondere privat-gewerblichen Trägergruppen. Staatliche Institutionen treten hier als „Einkäufer“ auf, die auf der Basis von Ausschreibungen öffent- liche Leistungspakete an denjenigen Leistungs- erbringer vergeben, der das günstigste Angebot unterbreitet. Die Angebot-Nachfrage-Relationen sind hier dadurch gekennzeichnet, dass einem ge- deckelten bzw. sogar schrumpfenden Volumen öf- fentlicher Aufgaben und Finanzmittel eine wach- sende Anzahl konkurrierender Träger sozialer Dienste und Einrichtungen gegenübersteht (Plura- lisierung der Trägerlandschaft). In diesem, allenfalls im übertragenen Sinne als „Markt“ zu bezeichnen- den Sektor, sind die wohlfahrtsverbandlichen Trä- ger immer noch „Marktführer“. Die Gesamtstatis- tik der Einrichtungen und Dienste der Freien Wohlfahrtspflege (Stichtag 1. Januar 2008) weist bundesweit 102.393 Einrichtungen und Dienste mit insgesamt 3,7Mio. Betten / Plätzen aus, wobei bestimmte Spezialdienste hiermit nicht erfasst sind. In der Freien Wohlfahrtspflege sind 1,5Mio. hauptamtlich Beschäftigte tätig. Verbandsinterne Schätzungen gehen davon aus, dass sich die Anzahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter / innen auf 2,5 bis 3Mio. Personen beläuft (BAGFW 2009). Die Marktanteile unterschiedlicher Träger an den Ein- richtungen und Diensten sind unterschiedlich aus- geprägt. So befanden sich etwa von den 11.000 ambulanten Pflegediensten Ende 2005 98% in freier Trägerschaft, davon 58% in privat-gewerb- licher und 41% in privat-gemeinnütziger Träger- schaft. Der Anteil öffentlicher Träger beträgt hier lediglich 1 bis 2%. Von den 10.400 Pflegeheimen befanden sich Ende 2005 55% in frei-gemeinnüt- ziger Trägerschaft, 38% in privat-gewerblicher Trägerschaft und 7% in öffentlicher Trägerschaft. In der Kinder- und Jugendhilfe stehen dagegen den frei-gemeinnützigen Trägern mit 36.000 Einrich- tungen lediglich 470 Einrichtungen in privat-ge- werblicher Trägerschaft gegenüber (Horcher 2009; Wiesner 1997). Neben und jenseits des politisch inszenierten Quasi-Marktes um öffentliche Aufgaben und Fi- nanzmittel bildet sich seit einigen Jahren ein völlig neues Marktsegment im Sozialsektor heraus, auf dem unterschiedlichste Anbieter sozialer Dienste und Leistungen um zusätzlich verfügbares Ein- kommen bzw. Vermögen potenzieller Leistungs- abnehmer konkurrieren. Derartige Märkte haben sich insbesondere im Bereich der Gesundheitsleis- tungen und der sog. „Altenwirtschaft“ herausgebil- det (Cirkel et al. 2006; Goldschmidt /Hilbert 2008). Solche Märkte entstehen sowohl infolge der Differenzierung gesundheitsbezogener Bedürfnisse und der Herausbildung einer kaufkräftigen Nach- frage als auch als Folge der Gesundheitsreformen seit 2000, mit deren Hilfe der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen eingeschränkt und so- mit bestimmte Gesundheitsleistungen nur noch auf dem Wege der Zu- oder Selbstzahlung erhält- lich sind. Hier handelt es sich insofern um „echte“ Märkte, als eine kaufkräftige Nachfrage darüber entscheidet, welche Produkte und Dienstleistun- gen in welcher Menge und in welcher Qualität eingekauft werden. Auf diesem Markt sind aller- dings nicht die traditionellen Jugend- und Wohl- fahrtsverbände, sondern vielmehr privat-gewerb- liche Träger führend. Allerdings sind die freien Träger der Jugend- und Wohlfahrtspflege zuneh- mend angehalten darüber zu entscheiden, ob und in welcher Weise sie sich in diesem Markt engagie- ren wollen (Ottnad et al. 2000). Hierzu bedarf es allerdings der Ausbildung undWei- terentwicklung entsprechender unternehmerischer Strukturen und eines strategischen Managements (Liebig 2005; Dahme et al. 2005). Um auf beiden Märkten bestehen zu können, müssen die Träger der freien Wohlfahrtspflege die Modernisierung ihrer

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