Handbuch 5. Auflage

478 Lauermann  Dabei sind Emanzipation und Bemündigung nicht als statische Begriffe aufzufassen, sondern müssen immer wieder neu und im Kontext aktueller gesell- schaftlicher und individueller Bedingungen be- trachtet werden (Eugster et al. 1997, 44). Die Ambivalenz in der Bestimmung von Freiheit greift auch der Capability-Ansatz (Nussbaum 2000) auf und stellt Autonomiespielräume als realisierbare Möglichkeitsspielräume in Aussicht, um unterWah- rung der Integrität, ohne inhaltlich eine bestimmte Lebensführung zu bevorzugen oder Selbstentfal- tungs- und Selbstverwirklichungsziele aufzudrän- gen, Möglichkeitsbedingungen für ein gelingende- res Leben anzubieten. Denn: Jede und jeder sei in der eigenen Lebensgestaltung grundsätzlich frei von jeglicher Verpflichtung, sich für oder gegen die Rea- lisierung einer dieser Möglichkeiten zu entscheiden. Prinzipiell bleibe die Autonomie der Lebenspraxis und die lebenspraktische Entscheidungskompetenz bei gleichzeitig erweiterten Handlungsoptionen ge- wahrt (Dewe/Otto 2011, 1137ff.). Somit verbindet der Capability-Approach das Konstrukt der Auto- nomie und der Würde des Menschen mit den struk- turellen Möglichkeiten und den individuellen Fä- higkeiten jeder und jedes Einzelnen (Sen 2001; Nussbaum 2000), um letztlich das eigene Leben „als Werk seiner selbst“ (Pestalozzi 1797 / 1946, 192 ff.) zu erfahren. So entwirft das Konzept des Capability- Approach einen differenzierten Freiheitsbegriff: Freiheit als intrinsischer Wert und normatives Ziel, die es dem Menschen ermöglicht selbstbestimmt zu leben, umfasst neben der Abwesenheit von Hinder- nissen (passive Freiheit / negative Freiheit) vor allem die Möglichkeit, nach eigenen Wünschen zu han- deln (aktive Freiheit / positive Freiheit). Das Norma- tive liegt im Bestreben zur Integration von subjektiv vorhandenen und objektiv möglichen Bestimmun- gen des individuellen Lebens. Der Anspruch nach positiven Freiheiten fordert die Praxis der Sozialen Arbeit auf, konkrete Lebensumstände herzustellen, die in Ermöglichung einer gerechten Gesellschaft jeder und jedem möglichst umfassende „Verwirkli- chungschancen“ bereitstellen (Sen 2000; Nussbaum 1999). Freiheit und Soziale Arbeit Soziale Arbeit als Praxis ist ganz konkret als Unter- stützung, Beratung und Klärung von Lebensgestal- tungsaufgaben bei den Lebensbewältigungsaufga- ben der Individuen in der gesellschaftlichen Realität gefragt (Füssenhäuser /Thiersch 2005, 1877). Frei- sein hängt mit den gesellschaftlichen Lebensverhält- nissen bzw. der gesellschaftlichen Stellung und der Anerkennung durch andere zusammen. Für post- moderne Gesellschaften gehört die Möglichkeit, den eigenen Lebensentwurf frei wählen zu können, zu den selbstverständlichen Grundlagen menschli- cher Selbstbestimmung (Schockenhoff 2004, 8). Die Lebensweise des postmodernen Menschen ist geprägt durch eine im historischen Maßstab einma- lige Optionserweiterung individueller Wahlmög- lichkeiten in allen zentralen Handlungsfeldern. Mit der Optionserweiterung, die dem Einzelnen mehr denn je zuvor freie Entscheidungsmöglichkeiten hinsichtlich der Gestaltung seines individuellen Le- bensentwurfs zuspielt, geht jedoch eine wachsende Instabilität menschlicher Lebensläufe einher: Unter dem Druck wachsender Freiheitsräume werden Le- bensverläufe nicht nur individualisiert, sondern auch fragmentarisiert. Selbstbestimmte Wahlbio- grafien sind bis ins hohe Alter hinein korrekturof- fen und probehalber auf Versuch und Irrtum ange- wiesen. In dieser Gegenwartsdiagnose wird die ge- sellschaftliche Ambivalenz der Freiheit unter den Bedingungen postmoderner Risiko- und Erlebnis- gesellschaften sichtbar. Zugleich bleibt es jedoch jeder und jedem Einzelnen selbst überlassen, sich in dem Überangebot der Wahlmöglichkeiten zurecht- zufinden. Ständig sind Entscheidungen zu treffen, verbunden mit dem Verzicht auf die unendlichen anderen Möglichkeiten. Aus diesem Wachstum der äußeren Freiheit ergibt sich jedoch nicht im glei- chen Masse eine gewachsene Fähigkeit zur morali- schen Selbstbestimmung. Die demokratische Le- benskultur gefährdet individuelle Freiheit nicht mehr durch äußeren Zwang, sondern durch die öf- fentliche Beliebigkeit, der sie alle Entscheidungen aussetzt (Beck 1986, Beck 2007). Demzufolge ist der Gegenwartsmensch nicht durch zu wenig , sondern durch zu viele Alternati- ven gefährdet. Die Menschen der Vormoderne mussten auf Möglichkeiten verzichten, die ihnen real gar nicht gegeben waren. Der heutige Mensch dagegen kann sich weit mehr Wünsche erfüllen, muss auswählen und auf die Verwirklichung ande- rer Begehren verzichten. Die ständige Entschei- dungsnot, vor die uns die Unübersichtlichkeit des Lebens stellt, ist die Kehrseite der gewachsenen

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