Handbuch 5. Auflage
482 Friedens- und Konflikterziehung Von Günther Gugel Auch 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Welt- kriegs und 20 Jahre nach der Auflösung des Ost- West-Konflikts ist die Decke der Zivilisation dünn und zerbrechlich, gehören Kriege und Gewalt im- mer noch zum Alltag der (Welt-)Gesellschaft, wer- den weltweit jährlich über 1.000 Milliarden Euro für Rüstung und Militär ausgegeben und ist weder der Kampf gegen Hunger und Armut noch der gegen die zunehmende Zerstörung der Umwelt gewonnen (Sipri 2010). Die Bedrohung durch Krieg und Gewalt ist nach wie vor äußerst groß. Frieden ist deshalb zu der entscheidenden Voraus- setzung für menschliches Leben geworden, von der heute die Zukunft der gesamten Menschheit ab- hängt (Wulf 2008, 44). Erziehung und Bildung müssen sich diesen Pro- blemen stellen und zum Abbau von Gewalt und der Förderung von Frieden beitragen. Deshalb ist Friedenserziehung auf die Prävention, Zurück- drängung und Eindämmung aller Formen von Ge- walt und deren Folgen im zwischenmenschlichen, gesellschaftlichen und internationalen Bereich und auf das konstruktive Austragen von Konflikten aus- gerichtet – wohl wissend, dass die Problemfelder (Ursachen von Kriegen und Gewalt) v. a. im politi- schen und gesellschaftlichen Bereich liegen und mit den Mitteln der Erziehung und Bildung nur z.T. bearbeitet werden können. Umgang mit Ge- walt und Umgang mit Konflikten stellen so den Kern der Friedenserziehung dar. Verständnis und Entwicklung der Friedenserziehung In Wissenschaft und Praxis sind Friedenspädagogik und Friedenserziehung Sammelbegriffe für unter- schiedliche Ansätze, die durch Erziehung und Bil- dung Frieden fördern wollen, sich aber in ihren konkreten Vorstellungen, was Frieden sei und wie dieser erreicht werden könne, stark unterscheiden (Nipkow 2007). Mit Friedenserziehung wird das praktische erzieherische Tun bezeichnet, während Friedenspädagogik die theoretische Fundierung und Auseinandersetzung mit dem Themenbereich beinhaltet. Beide Begriffe werden häufig synonym verwendet (wie auch in diesem Artikel). Idealistisch und appellativ ausgerichtete Ansätze der Friedenserziehung stehen in Theorie und Praxis neben individualistisch-einübenden und gesell- schaftsbezogen-aufklärenden (Wintersteiner 2002) Ansätzen. Frieden wird in der Tradition der kritischen Frie- denserziehung nicht als Harmonie oder – negativ definiert – als Abwesenheit von Krieg verstanden, sondern als ein Prozess der gewaltfreien Konfliktaus- tragung bei zunehmender sozialer Gerechtigkeit und Partizipation, der an vielen Orten gleichzeitig ent- wickelt und gestaltet werden kann und dennoch wohl nie als allumfassender Weltfrieden erreichbar sein wird (Koppe 2001). Dieser Friedensbegriff um- fasst die Idee einer anderen, humaneren, gerechte- ren, gewaltärmeren (Welt-)Gesellschaft, die nur mit friedlichen Mitteln erreicht werden kann („Frieden ist der Weg“). Diese Gesellschaft ist aber gleichzeitig so real und machbar, dass es sich lohnt, sich dafür zu engagieren und einzusetzen, zumal es vielfältige ge- lungene Beispiele von Frieden machen vor Ort gibt (Gerster/Gleich 2005). Frieden schließt tendenziell alle Menschen ein und ist deshalb (wenngleich mit unterschiedlichen Verantwortlichkeiten) auf den in- dividuellen, gesellschaftlichen und internationalen Bereich gleicherweise bezogen und zielt darauf ab, eine Zivilgesellschaft zu entwickeln und die Kultur der Gewalt durch eine Kultur des Friedens abzulösen (Wintersteiner 2006, 87). Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art044, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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