Handbuch 5. Auflage

Friedens- und Konflikterziehung 483 Friedenserziehung beschäftigt sich mit den emotio- nalen, sozialen und kognitiven Grundlagen und Lernchancen für Friedensfähigkeit und Friedens- handeln – also mit der Entwicklung von prosozia- len Einstellungs- und Verhaltensweisen von Indivi- duen und Gruppen (Haussmann et al. 2006). Friedenserziehung im heutigen Verständnis hat sich in Europa aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs entwickelt, und zwar zunächst mit der Ausrichtung, der Verführung der Jugend im Na- tionalsozialismus die Fähigkeit zur und Erfahrung von Völkerverständigung entgegenzusetzen. Ende der 1960er Jahre machten sich die zunehmend so- zialwissenschaftliche Orientierung der Pädagogik sowie eine sich neu entwickelte Friedens- und Kon- fliktforschung in der Friedenserziehung bemerkbar. Die Frage nach den Strukturen und Voraussetzun- gen für eine Friedenspolitik trat neben die Kritik der Abschreckung und des Wettrüstens. Es wurden die sozialen Ursachen des Unfriedens analysiert und die gesellschaftlichen Bedingungen des Frie- dens formuliert (Wulf 1973). Ein differenzierter Konflikt- und Gewaltbegriff (Galtung 1975) öff- nete den Blick für Herrschaftsverhältnisse, Gewalt durch Strukturen und Fragen der Demokratisie- rung der Gesellschaft. Neben der Auseinanderset- zung mit Rüstung und Militär weitete sich in den 1980er Jahren der Blick auf ökologische Zusam- menhänge und Gefährdungen. Mit der Auflösung des Ost-West-Konflikts, der zunehmenden Globa- lisierung und der globalen Umweltprobleme ka- men neue Herausforderungen auf die Friedens- pädagogik zu (Wulf /Merkel 2002). Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus, neue Feindbilder (Islamismus) und alltägliche Gewalt wurden neben den Themen neue Kriege, Rüstung und Terrorismus aufgegriffen und durch Fragen von Umwelt und Entwicklung ergänzt. Der Um- gang mit Neuen Medien (Gewalt in Medien, Me- dienberichterstattung, Medien als Lernchance) er- langte zunehmend Aufmerksamkeit (Büttner et al. 2005). Ergebnisse und Erfahrungen der Friedens- und Konfliktforschung gingen in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre stark in gesellschaftliche und pädagogische Diskussionen ein. Konfliktmanage- ment, Mediation und Strategien der Versöhnungs- arbeit greifen allesamt auf die Grundlagen der Konfliktforschung zurück – allerdings weitgehend, ohne die politischen und internationalen Dimen- sionen und machtkritischen Inhalte dieser Ansätze aufzunehmen. Gerade diese Ansätze zeichnen je- doch Friedenspädagogik aus. Vielfältige Überschneidungen mit anderen Ansät- zen ähnlicher Zielsetzungen wie Menschenrechts- erziehung, Bildung für Nachhaltigkeit, Interkultu- relles und Globales Lernen zeigen, dass es weitere Bemühungen gibt, durch Bildung und Erziehung nachhaltige Veränderungen zu erreichen. Lernbereiche der Friedenserziehung Friedenspädagogisches Lernen bezieht sich zwar primär auf Kinder und Jugendliche, findet jedoch in allen formellen und informellen Erziehungs- und Bildungsbereichen statt. In der Familie werden emotionale Grundlagen für das weitere Leben und Lernen gelegt und erste Weltbilder und Zugehörig- keiten vermittelt. In Kindergarten und Schule geht es um die Förderung grundlegender Regeln des Zusammenlebens. Konflikte müssen konstruktiv ausgetragen sowie Mitbestimmung und Selbst- behauptung gelernt werden. Kognitive Orientie- rungen, Auseinandersetzung und Kritikfähigkeit tragen dazu bei, eigene Positionen finden und be- gründen zu können. In den vielfältigen Formen von Jugend- und Erwachsenenbildung, internatio- nalen Austauschprogrammen, Sozial- und Frie- densdiensten werden neue interkulturelle und in- ternationale Orientierungen ermöglicht und selbstverantwortliches Handeln erprobt. Ein erster zentraler Lernbereich von Friedenserzie- hung bezieht sich auf die emotionalen Grundlagen des Lebens und Lernens und die Ermöglichung und Förderung von Empathiefähigkeit. Dies bedeutet Verzicht auf Körperstrafen, Gewalt und psy- chischen Druck als Erziehungsmittel und stattdes- sen Anerkennung, Geborgenheit, Wertschätzung und Akzeptanz als grundlegende Haltungen. Em- pathiefähigkeit ist Voraussetzung, um sich vom Leiden anderer berühren zu lassen, Mitgefühl zu empfinden und Handlungsimpulse für Verände- rung erleben zu können. Im zweiten Lernbereich sozialer Lernprozesse be- schäftigt sich Friedenserziehung u. a. mit Fragen von Autonomie und Gruppenbindung. Die Identi- fikation mit der eigenen, als höherwertig empfun- denen Gruppe und die Abwertung der anderen als „minderwertig“ stellt eine zentrale Voraussetzung

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