Handbuch 5. Auflage
Friedens- und Konflikterziehung 485 Ideologien, Überzeugungen, Überlieferungen und Legitimationssysteme beschrieben, mit deren Hilfe direkte oder strukturelle Gewalt ermöglicht und gerechtfertigt, d. h. legitimiert werden. Obwohl dieses Gewaltverständnis heftige Diskus- sionen und Kritik ausgelöst hat, ist es für Friedens- erziehung und Gewaltprävention deshalb interes- sant und brauchbar, weil es das Legitimationssystem und die gesellschaftlichen Verhältnisse mitein- bezieht und die gegenseitige Abhängigkeit der drei Bereiche thematisiert. Die Weltgesundheitsorganisation hat 2002 eine umfassende Typologie von Gewalt vorgelegt (WHO 2002), die einen analytischen Bezugsrah- men für Gewalt und Gewaltprävention ermöglicht. Dieser Bezugsrahmen integriert Gewalt gegen die eigene Person, interpersonelle Gewalt und kollek- tive Gewalt. Gewalt umfasst dabei die Dimensio- nen physisch , sexuell , psychisch und vernachlässigend . Als Gewalt gegen die eigene Person gelten suizidales Verhalten und Selbstschädigung. Die interpersonelle Gewalt gliedert sich in Gewalt in der Familie und unter Intimpartnern sowie in von Mitgliedern der Gemeinschaft ausgehende Gewalt. Kollektive Ge- walt bezeichnet die gegen eine Gruppe oder meh- rere Einzelpersonen gerichtete instrumentalisierte Gewaltanwendung durch Menschen, die sich als Mitglieder einer anderen Gruppe begreifen und damit politische, wirtschaftliche oder gesellschaftli- che Ziele durchsetzen wollen. Hierzu zählen auch Bürgerkriege und Kriege. Das Gewaltverständnis der WHO erscheint zurzeit am differenziertesten und am weitesten entwickelt. Es setzte sich seit 2004 zudem als akzeptierter Gewaltbegriff bei in- ternationalenOrganisationen undGremien (UNO, UNESCO, UNICEF) durch. Ein friedenspädagogisches Verständnis von Ge- waltprävention weicht an wichtigen Punkten von gängigen Gewaltpräventionsansätzen ab (DJI 2007; Gugel 2010). So wird Kriminalprävention als ein ordnungspolitischer Ansatz, der sich auf die Missachtung von Normen und Gesetzen bezieht und nach strengeren Gesetzen und Überwachung ruft, strikt von Gewaltprävention getrennt, d. h. von Maßnahmen, die sich auf die Verhinderung von Gewalt beziehen. Kinder und Jugendliche wer- den nicht in erster Linie oder gar ausschließlich unter dem Aspekt der (potenziellen) Täterschaft gesehen, vor der die Gesellschaft geschützt werden muss, sondern primär unter demAspekt der schutz- würdigen (potenziellen) Opfer von elterlicher, ge- sellschaftliche und staatlicher Gewalt. Häufig sind Kinder und Jugendliche allerdings in der Doppel- rolle von Opfern und Tätern zugleich. Da es einen inneren Zusammenhang zwischen den verschiedenen Formen der Gewalt (personale, struk- turelle, kulturelle) gibt, reicht es nicht aus, nur eine dieser Formen – die der individuellen jugendlichen Gewalt – anzugehen. Die Bekämpfung und Über- windung kollektiver Gewalt (Kriege und bewaffnete Konfliktaustragung) und die Beseitigung strukturel- ler Gewaltbedingungen sind Voraussetzungen für erfolgreiche Gewaltpräventionsarbeit. Umgang mit Gewalt zielt so auf die Arbeit an den konkreten Ge- waltphänomenen (individuelles Verhalten, Famili- enstrukturen, Schule, Peergruppen, Gemeinwesen etc.) und auf die Schaffung von effektiven Rahmen- bedingungen (Bekämpfung von Armut, Etablierung rechtlicher Regelungen etc.). Damit treten Gesell- schaftsstrukturen in das Blickfeld, die gewaltmin- dernd gestaltet werden müssen. Gewaltprävention ist deshalb kein Set von Maß- nahmen, Modellen und Projekten im Nahbereich von Kindern und Jugendlichen, die natürlich im Kontext einer Gesamtstrategie wichtig sind, diese aber nicht ersetzen können. Gewaltprävention ist stattdessen eine gesamtgesellschaftliche Strategie der Demokratisierung und Zivilisierung. Friedenserziehung als Konflikterziehung Konflikterziehung bedeutet, Lernangebote zur För- derung von Konfliktfähigkeit zu entwickeln und zu implementieren, um damit Personen, Gruppen und Organisationen zu befähigen, konstruktiv mit Konflikten umzugehen. Dies bezieht sich unter ei- nem friedenspädagogischen Aspekt auf den indivi- duellen, gruppenspezifischen, gesellschaftlichen und internationalen Bereich. Konflikte erfüllen vielfältige Funktionen und sind Motor für Veränderungen, indem sie auf Probleme hinweisen, Stagnation verhindern und das Finden von neuen Lösungen notwendig machen. Proble- matisch werden sie, wenn sie nicht konstruktiv be- arbeitet werden, sondern in eine Eskalationsdyna- mik geraten. In der Eskalationsdynamik wird die Wahrnehmung zunehmend eingeengt, das eigene Denken verabsolutiert und die Empathie geht ver-
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