Handbuch 5. Auflage

49 Dem Konzept agency wurde im Bereich der Sozia- len Arbeit erst in den vergangenen Jahren Auf- merksamkeit geschenkt. Der englische Terminus agency wird dabei häufig mit Handlungsmächtig- keit, Handlungsfähigkeit, Handlungsbefähigung oder Handlungsermächtigung übersetzt. Diese Be- grifflichkeiten gehören zu den Grundkategorien der Reflexionsformen Sozialer Arbeit. Denn sozial- pädagogische Interventionen gehen häufig davon aus, dass es Individuen oder sozialen Gruppen in ihren gegebenen Verhältnissen verwehrt bleibt, ih- ren Herausforderungen und Gelegenheiten in Richtung eines gelingenderen Alltags (Thiersch 2006, 43) zu begegnen und diese in ihrem Streben nach subjektiver Handlungsfähigkeit produktiv biografisch zu bewältigen (Böhnisch 2001, 31). Die gegenwärtige Aufmerksamkeit gegenüber agency in der Sozialen Arbeit basiert jenseits aller Differenzen u. a. auf einem gemeinsamen Anliegen: Agency-Theorien werden als ein Mittel gesehen, um akteursbezogene Ansätze (z. B. Homfeldt et al. 2006; Grasshoff 2012) zu stärken, nicht zuletzt auch im Kontext von Überlegungen zu Wohlfahrt und Wohlergehen /Well-being (Jeffery 2011, 1). Die Begriffsspanne von agency reicht dabei von ei- ner Fokussierung auf die Handlungsbefähigung bzw. das Handlungsvermögen auf personaler bzw. subjektbezogener Ebene bis hin zu Fragen der Handlungsermächtigung bzw. Handlungs(ohn) mächtigkeit in (sozial-)politischer und gesellschafts- theoretischer Perspektive. Neben analytischen Fra- gen wird daher in vielen Beiträgen mehr oder we­ niger explizit mitverhandelt, was verschiedene Modellierungen von agency und darauf aufbauende empirische Untersuchungen – z. B. in Feldern der rekonstruktiven Sozialforschung (z. B. Bethmann et al. 2012) – für die handlungsorientierte, normative Ausrichtung von Sozialer Arbeit bedeutet und wie dies durch pädagogisch-praktische Interventionen (z. B. Glöckler 2011; Jeffery 2011, 33–52) umge- setzt werden kann. Entsprechend wird diese Ent- wicklung auch mit Blick auf die Produktivität von agency-Ansätzen als Theorie-, Forschungs- und Pra- xisprogramm Sozialer Arbeit kritisch reflektiert (z. B. Scherr 2012; Schröer / Schweppe 2012; Ben- der et al. 2012; Raithelhuber 2011; Vahsen 2011). Der folgende Beitrag will Einblicke in ausgewählte Thematisierungslinien von agency bieten, die im weiteren Feld Sozialer Arbeit von Bedeutung sind. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf Beiträge gelegt, die sich von einer substanzialitischen bzw. es- sentialistischen Vorstellung von „individual agency“ bzw. „human agency“ abgrenzen. Umgekehrt for- muliert: Agency liefert kein über klassische subjekt- theoretische Ansätze hinausgehendes Verständnis, wenn agency auf einer Vorstellung aufbaut, soziale Phänomene ließen sich vor allem untersuchen und erklären, indemman mehr oder weniger stark verän- derbare Eigenschaften, Dispositionen und Fähigkei- ten in den Blick nimmt, welche Individuen quasi vor ihrer Beteiligung an sozialen Handlungen und Beziehungen und damit auch jenseits davon inne- wohnen. Dann allerdings, wenn agency Menschen nicht vorab attestiert wird, sondern wo zur Frage wird, wie agency eigentlich sozial möglich ist und wie agency angemessen rekonstruiert werden kann, ergeben sich auch für die Soziale Arbeit ertragreiche Perspektiven für Forschung und Praxis. Grundlegende Zugänge in der Sozialwissenschaft Mit dem sozialwissenschaftlichen Konzept agency verbindet sich eine in jüngerer Zeit kaum mehr überschaubare Diskussion, wie die Beschaffenheit von agency im Bemühen um die Integration von Struktur- und Handlungstheorien (sozial-)theore- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4az.art002, © 2013, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München Agency Von Eberhard Raithelhuber und Wolfgang Schröer

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