Handbuch 5. Auflage
50 Raithelhuber / Schröer tisch gedacht werden soll, welche methodologischen Implikationen damit verbunden sind und was dies für die empirische Untersuchung einzelner Phäno- mene bedeutet (Scherr 2012, 232; ausführlich: Raithelhuber 2011). Eben deshalb beschäftigen sich eine Reihe von höchst unterschiedlichen Ansätzen mit den Fragen: Was ist agency eigentlich? Wie ist diese agency beschaffen? Wie wird sie erlangt bzw. wie entwickelt sie sich? Wo ist sie verortet? Und wie kann der Wirkungszusammenhang von agency an- gemessen beschrieben werden? Besonders prominent in der sozialwissenschaftli- chen Auseinandersetzung mit agency ist bis heute der strukturationstheoretische Grundriss von Gid- dens (Giddens 1984). Viele Beiträge zu agency auch in der Sozialen Arbeit reflektieren Giddens’ praxistheoretische Definition des Schlüsselprinzips agency (9): „Agency refers not to the intentions people have in doing things but to their capability of doing those things in the first place (which is why agency implies power […]. […] Agency concerns events of which an individual is the per- petrator, in the sense that the individual could, at any phase in a given sequence of conduct, have acted diffe- rently. Whatever happened would not have happened if that individual had not intervened.“ Kritiken und Erweiterungen der Strukturationsthe orie richteten sich häufig auf die Unausgewogenheit der structure- und agency-Perspektive. So wurden z.B. (struktur-)deterministische oder voluntaristi- sche Ausrichtungen bemängelt oder deduktionisti- sche und reduktionistische Tendenzen attestiert. Andere Beiträge monierten, dass die Vermittlung von agency und structure analytisch als komplexer und darüber hinaus in seiner zyklischen Prozesshaf- tigkeit gedacht werden muss, um eine Verschmel- zung bzw. ein Zusammenfallen von structure und agency zu verhindern (z.B. Archer 2000). Wieder andere Beiträge stellten von einer monistischen Posi- tion aus die Sinnhaftigkeit infrage, das Soziale von zwei Positionen her zu beschreiben, also von struc- ture und agency aus, um diese dann anschließend zu vermitteln, weil solche Versuche im Kern dualistisch bleiben müssen (Barnes 1999). Ein weiterer sozialwissenschaftlicher Beitrag, der ebenfalls häufig in der Sozialen Arbeit aufgenom- men wird, stellt die Theoretisierung von Emirbayer und Mische dar. Der relational-transaktionale An- satz baut dabei auf den Pragmatismus auf sowie auf den symbolischen Interaktionismus. Agency wird darin analytisch als eine eigenständige, innerliche und komplexe zeitliche Dynamik betrachtet und als dialogischer Prozess gefasst, der sich gleicherma- ßen nach innen und außen richtet. „Human agency“ ist damit (Emirbayer /Mische 1998, 963) „a temporally embedded process of social engagement, informed by the past (in its habitual aspect), but also ori- ented toward the future (as a capacity to imagine alter native possibilities) and toward the present (as a capacity to contextualize past habits and future projects within the contingencies of the moment).“ Soziale Akteure sind demnach in jeder neu entste- henden Situation gleichzeitig auf Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart orientiert. Sie messen da- bei oft einer der drei zeitlichen Dimensionen mehr Bedeutung zu. Iteration, Projektivität und prakti- sche Beurteilung lassen sich daher als unterschied- liche Elemente von „human agency“ auffassen. Zentral ist die Annahme, dass die strukturellen Kontexte von Handlung selbst als etwas Tempora- les verstanden werden. Strukturelle Kontexte ent- stehen und stehen in dynamischer Beziehung mit den zeitlichen Orientierungen der Akteure. Ak- teure können so Handlungen in einer Form der reflexiven Distanzierung erkunden und sich dabei mehr oder weniger in Richtung der Vergangenheit, der Zukunft oder der Gegenwart ausrichten. In- dem in der Forschung untersucht wird, wie Ak- teure ihre „agentic orientations“ verändern – und damit auch ihre Beziehung zu Struktur vermit- teln –, lässt sich demzufolge auch nachzeichnen, welche variierenden Grade an Beweglichkeit, Schaffenskraft und reflektierte Entscheidungen Menschen in Bezug auf ermöglichende und be- grenzende Handlungskontexte erlangen. Kritiken an Giddens’ Auffassung von agency rich- teten sich u. a. auf die Vorstellung, agency als ein grundlegend menschliches Vermögen (z. B. als „ca- pability“ bei Giddens 1984, 9) zu definieren, durch welches das Individuum kausale Wirkungen erzie- len kann. Agency wird damit als eine analytische Kategorie in das Individuum hineinverlegt. Das er- weckt den Anschein, als ob normale soziale Inter- aktion letztendlich durch individuelle Wahlent- scheidung („choice“) erklärt wird (King 2005, 229). Antiessentialistische, antidualistische und
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