Handbuch 5. Auflage

490 Böllert  gendhilfe und dokumentiert ihren Weg von der Ordnungs- zur Leistungsbehörde durch die Be- reitstellung von Angeboten der Förderung und Unterstützung junger Menschen und der Unter- stützung der Eltern bei der Wahrnehmung ihrer Rechte und Pflichten; es legt aber andererseits ebenso eindeutig die Schutzpflichten des Jugend- amtes, als Schutz der Kinder bei Gefahren für ihr Wohl auch gegen den Willen der Eltern fest. Den- noch sind den kontrollierenden Eingriffen der Jugendämter in den Fällen enge Grenzen gesetzt, in denen sie zur Einschaltung des Familiengerich- tes verpflichtet sind und als Kontrollkonzept das staatliche Wächteramt repräsentieren (Schone 2008). Von der Normalisierung zur Sozialraumorientierung Anknüpfend an eine solche doppelte Verfasstheit Sozialer Arbeit wird mit ihrer Normalisierungs- funktion die Bewachung und Reproduktion von Normalzuständen bzw. Normalverläufen hervor- gehoben, wodurch die Möglichkeit eröffnet werden soll, die (widersprüchlichen) Rationalitätskriterien, Steuerungsprobleme und Entwicklungstendenzen sozialarbeiterischer Dienstleistungstätigkeit zu ana- lysieren. Dabei ist die Gewährleistung von Norma- lität keineswegs gleichbedeutend mit der Anpas- sung aller Personen an die jeweils geltenden Normalitätsstandards. Wie viele Gesellschaftsmit- glieder den herrschenden Normen entsprechen müssen, damit die Identität des umfassenden Ge- sellschaftssystems in einem akzeptierten Ausmaß geschützt werden kann, ist in gewissen Grenzen auslegungsbedürftig. Darüber hinausgehend ge- schieht Normalisierung als Einregulierung von Normen durch unterschiedliche Strategien und zwar durch Personenänderung als erzieherisch-the- rapeutische Beeinflussung (potenziell) Devianter, als Allokation durch die Änderung des Status von Personen durch die Zuteilung von Gütern, Rollen, Prestige etc. sowie als Kustodialisierung in Form der Bewachung und Verwahrung ausgeschlossener Personengruppen (Olk 1986). Wenn aber die Funktion der Sozialen Arbeit in der Gewährleistung durchschnittlich erwartbarer Iden- titätsstrukturen und ihre normalisierende Funktion in der Beeinflussung individueller Verhaltensweisen und deren Veränderung besteht, dann stellt sich die zentrale Frage, von welchen Normalitätsannahmen ausgegangen wird und wie Soziale Arbeit mit den Folgen gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse und damit veränderten Normalitätsvorstellungen umgeht, ohne durch das Festhalten an tradierten Normalitätsannahmen den kontrollierenden Cha- rakter ihrer Interventionen zu verstärken. Die entsprechenden Antworten gehen von zwei unterschiedlichen Ausgangspunkten aus. Im An- schluss an die sozialpädagogische Auseinanderset- zung mit der Theorie des kommunikativen Han- delns von Habermas wurde zunächst die sog. Kolonialisierungsthese entwickelt. Demnach ist Soziale Arbeit einerseits systemisch induziert, han- delt aber andererseits in Lebenswelten, d. h. sie ver- mittelt zwischen Lebenswelt und System. Damit einher geht die Gefahr der professionellen Fremd- bestimmung lebensweltlicher Zusammenhänge; die Minimierung entsprechender Kolonialisie- rungseffekte kann nur durch Selbstreflexivität der professionell Handelnden und die Beantwortung der Frage gelingen, welche Interventionen das Ri- siko der Verdinglichung lebensweltlicher Bezüge am ehesten minimieren können. Hierzu sollen auch politische Strategien als stellvertretende Ein- mischung und Aufklärung bzw. Gegenöffentlich- keit beitragen (Thiersch 1984; Rauschenbach 1999). Genau diese politischen Strategien stehen im Zen- trum einer Sozialen Arbeit als Kommunalpolitik, mit der auf die Konsequenzen eines konstatierten Wertewandels von den materiellen hin zu post- materiellen Werten sowie auf veränderte Anfor­ derungen an Sozialstaat und Sozialadministration Bezug genommen werden soll. Zentral für die hieraus abgeleitete Funktionsbestimmung Sozialer Arbeit ist die Auseinandersetzung mit der wach- senden Kritik an der Verbürokratisierung einer behördlichen Sozialarbeit und mit dem Entstehen von sozialen Bewegungen und Selbsthilfegruppen. Beides führt in den fachlichen Reaktionen zu einer Aufwertung der kommunalen Ebene in Form einer Dezentralisierung von Sozialpolitik und einer verstärkt kommunalen Orientierung der Sozialen Arbeit, zu einer Delegation von Ent- scheidungsbefugnissen und einer Öffnung der Administration durch innerorganisatorische Ver- änderungen und durch die Delegation von Auf- gaben sozialer Problembewältigung auf informelle

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