Handbuch 5. Auflage

Funktionsbestimmungen Sozialer Arbeit 491 Gruppen. Während auf der zentralen Ebene die großräumige Gestaltung von nationalen Lebens- bedingungen sowie die weiterhin notwendige flä- chendeckende Absicherung von schematisierten Standardrisiken der Lohnarbeiterexistenz geregelt wird und außerdem die Programme für die ge- meindliche Vermittlung von sozialpolitischen Leistungen formuliert werden, ist die Kommune in dieser Perspektive vornehmlich mit der qualita- tiven Beeinflussung sozialräumlicher Lebensbe- dingungen im unmittelbaren Kontakt mit den Zielgruppen sowie mit der konkreten Umsetzung der zentral geplanten Programme befasst (Mül- ler /Otto 1980; Olk /Otto 1981). Institutionen, Programme, Strategien und Akteure, die die Soziale Arbeit vorab begrenzen, gehören demzufolge zum Bereich der Sozialarbeitspolitik; kommunale Sozi- alpolitik und Sozialarbeitspolitik ergänzen sich unter der Zielsetzung der sozialen Ausgestaltung lokaler Lebensbedingungen zur sozialen Kommu- nalpolitik. In dem Maße allerdings, wie Sozialar- beitspolitik die dominante Maßnahmenorientie- rung und reaktiv-kompensatorische Fixierung auf den Einzelfall zugunsten einer Hinwendung zur qualitativen Entwicklung sozialräumlicher Lebens- bedingungen zum Zwecke der Verbesserung und Angleichung von Lebenschancen zurückdrängt, geht sie weit über ihr bislang begrenztes Ressort hinaus und soll sich so zu einer örtlichen Gesell- schaftspolitik entwickeln (Olk /Otto 1981; Olk et al. 1981). Die Schwierigkeiten einer solchen Gesellschafts- politik sind schon zum Zeitpunkt ihrer Begrün- dung nicht übersehen worden, setzt eine Soziale Arbeit als soziale Kommunalpolitik doch Verein- barkeitserfordernisse unterschiedlicher Trägerinte- ressen und Vereinbarkeitsnotwendigkeiten der po- litischenundadministrativenEntscheidungsebenen voraus. Schließlich bedingt die Aktivierung der Selbststeuerungspotenziale der Kommune, die po- litische Kontrolle des Dienstleistungssystems auf eine breite Basis zu stellen und Alternativen zu bisherigen Verfahren zu eröffnen. Diskutiert wurde, ob die Neuorganisation sozialer Dienste als eine notwendige Voraussetzung hierzu betrachtet werden muss. Dabei ging es vorrangig um die räumliche Dekonzentration sozialer Dienste, die Delegation von Entscheidungsbefugnissen auf eine klientennahe Ebene der Administration und die Delegation der Kontrolle über kommunale Res- sourcen auf die Ebene der lokalen Bürgerschaft. Steuerungsmedium sollte die Interaktion sein, die Fallorientierung sollte zur synthetisierenden Pro- blemorientierung weiterentwickelt werden, eine Neustrukturierung von Kompetenzprofilen und die Repolitisierung sozialarbeiterischer Problem- diagnosen als lokale Gestaltung von Lebensbedin- gungen wurden angestrebt. Das Primat präventiver Vorgehensweisen, die adressatenorientierte Aus- gestaltung sozialer Dienstleistungsangebote und deren Überprüfung auf Effizienz und Effektivität waren weitere Forderungen. Dass diese Schwierigkeiten bis heute als nicht über- wunden angenommen werden können, zeigen die aktuellen Debatten über eine Sozialraumorientie- rung der Sozialen Arbeit (Reutlinger et al. 2005). Sozialraumorientierung bedeutet die Aktivierung wechselseitiger Selbsthilfe und Förderung der Selbstkoordinationsfähigkeit der Bewohner und Bewohnerinnen eines sozialen Nahraums; der Sozi- alraum selbst stellt mit seinen spezifischen Pro- blemcharakteristika die zentrale Steuerungsebene für die Planung und die Angebote der Sozialen Ar- beit dar. Die vielfach diskutierten Fehlschlüsse einer falsch verstandenen Sozialraumorientierung sind als Pathologisierung sozialer Netzwerke und deren gleichzeitige Aktivierung als Ressource, als Gleich- setzung einer räumlichen Identifizierung sozialer Problemlagen mit einer Verursachung sozialer Pro- blemlagen und als Abschied von der Fallorientie- rung und Stärkung der Sozialraumorientierung bei gleichzeitiger Ungeklärtheit des Adressatenbegriffes hervorgehoben worden. Infolgedessen kommt es zu einer Überbetonung von Räumlichkeit, zu einer fehlenden Unterscheidung von Wirkungen und Sozialraumeffekten, zu einer strukturellen Überlas- tung der Aktiven, zu sozialstruktureller Selektivität und zu fragwürdigen Homogenitätsannahmen bei einem gleichzeitigen Effektivitätsgebot als Hand- lungsanleitung. Statt einer Aktivierung der Bewoh- nerinnen und Bewohner wird alternativ eine Akti- vierung institutioneller Zugänge vorgeschlagen; nicht das Feld soll zum Fall gemacht werden, son- dern politische und soziale Strukturierungsprozesse als Eröffnung oder Verschluss von Handlungs- und Daseinsformen sollen analysiert und zum Ausgang- punkt von Angeboten Sozialer Arbeit gemacht werden (Kessl et al. 2006). Eine solchermaßen fundierte Funktionsbestimmung Sozialer Arbeit markiert aktuell auch eine neue

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=