Handbuch 5. Auflage
492 Böllert Sichtweise auf Andersheit, die über klassische Nor- malitätsannahmen und kontrollierende Eingriffe weit hinausreicht (Kessl/Plößer 2010). Die Analyse der für die Soziale Arbeit typischen Konfrontation mit Differenz führt dabei zu solchermaßen theo- retisch begründeten Ansätzen Sozialer Arbeit (Heite 2008; 2010), die perspektivisch die Aufgaben Sozia- ler Arbeit in der Realisierung komplexer Gleich heiten und im Gegensatz zur Normalisierung von Differenz in deren Anerkennung und in der Sensibi- lisierung für Differenzen sehen. Lebenswelt- und Dienstleitungsorientierung Eine die Soziale Arbeit bis heute prägende Funk- tionsbestimmung ist die der Lebensweltorientie- rung, die ihren Ausgangpunkt zunächst in einer alltagsorientierten Sozialpädagogik hat. Alltag ist charakterisiert durch die Vielfältigkeit von Pro- blemen und Aufgaben; im Alltag sind Menschen zuständig für die Bewältigung der sich ihnen stel- lenden Aufgaben. Alltag ist somit ein Aspekt von Wirklichkeit, der verstanden werden muss. All- tagswissen ist charakterisiert durch Überschaubar- keit, Vertrautheit, durch Ordnung in Rollen, Routine, Typisierungen. Alltagswelten sind unter- schiedlich durch gesellschaftliche Funktionen und Ressourcen: Auf der einen Seite beinhalten sie Zu- ständigkeit, Verantwortlichkeit und Betroffenheit, auf der anderen Seite die Einbettung in Routinen, die Entlastung und Selbsteinschränkung bedeu- ten. Vor diesem Hintergrund will eine alltagsorientierte Sozialpädagogik Hilfe zur Selbsthilfe leisten, indem sie einen gelingenderen Alltag ermöglicht, wozu auch gehört, aus dem Alltag herauszuhelfen und Verhältnisse sozialpolitisch zu verändern. Eine all- tagsorientierte Sozialarbeit gelingt demnach, wenn die institutionellen Möglichkeiten vom Alltag aus ebenso kritisiert werden wie dann die institutionel- len Möglichkeiten wiederum den Alltag selbst kri- tisieren (Thiersch 1986). Die Lebensweltorientierung der Sozialen Arbeit verbindet hierüber hinausgehend die Analyse von gegenwärtig spezifischen Lebensverhältnissen mit pädagogischen Konsequenzen. Sie betont – in der Abkehr von dem traditionell defizitären und indi- vidualisierenden Blick auf soziale Probleme – das Zusammenspiel von Problemen und Möglichkei- ten, von Stärken und Schwächen im sozialen Feld und gewinnt daraus das Handlungsrepertoire, zwischen Vertrauen, Niedrigschwelligkeit, Zu- gangsmöglichkeiten und gemeinsamen Konstruk- tionen von Hilfsentwürfen ausbalancieren zu kön- nen (Grunwald /Thiersch 2005; Thiersch et al. 2002). Ihren prominentesten Ausdruck hat die Lebens- weltorientierung der Sozialen Arbeit in den in der Kinder- und Jugendhilfe verankerten Strukturma- ximen der Prävention, Alltagsnähe, Integration, Partizipation und Dezentralisierung gefunden so- wie in ihrer Bedeutung für eine Funktionsbestim- mung der Sozialen Arbeit in der Risikogesellschaft, mit der u. a. von einer Pluralisierung der Adressa- tengruppen, neuen sozialen Risiken und veränder- ten Bezügen zwischen Risikolagen im Lebenslauf und sozialpädagogischen Handlungsnotwendig- keiten ausgegangen wird. Die Transformation der Sozialen Frage findet ihren Ausdruck u. a. in der Entstehung institutionenabhängiger Biographie- muster, der Vervielfältigung sozialer Kategorien und der Ausdehnung von Unsicherheit. In dem Maße, wie dabei die soziale Frage unsichtbar wird, gewinnen institutionelle Wahrnehmungs- und Be- arbeitungsmuster an Gewicht (Beck 1986). Soziale Arbeit in dieser sog. zweiten Moderne zeich- net sich durch die Pluralisierung der Adressaten- gruppen, die Zunahme sozialer Risiken und die Notwendigkeit sozialer Risikoexperten als Bewälti- gung vonRisikolagen imLebenslauf durch sozialpäd agogisches Handeln aus. Soziale Arbeit ist somit Produkt der Moderne und gleichzeitig Produzent von Chancen und Risiken auf dem Weg in eine an- dere Moderne. Gefordert wird eine reflexive Relatio- nierung von wohlfahrtsstaatlich bereitgestellten An- geboten und Unterstützungsleistungen in privaten Lebenszusammenhängen, eine Funktionsbestim- mung Sozialer Arbeit als Gewährleistung subjekt- orientierter Lebenspraxen. Prävention umfasst vor diesem Hintergrund strukturbezogene Angebote, die über die Beeinflussung von Lebensbedingungen individuelle Partizipationsmöglichkeiten hervor- bringen; Interventionen umfassen stattdessen die Befähigung des Einzelnen zur Eröffnung von Ge- staltungsspielräumen. Soziale Arbeit wird insgesamt zu einer sozialen Hilfe in Bezug auf Identitätsbil- dungs- und kulturellen Verständigungsprozessen (Böllert 1992; Böllert 1995; Rauschenbach 1999).
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