Handbuch 5. Auflage
Agency 51 antiindividualistische Theoretisierungen nehmen daher in den Blick, wie Menschen kollektiv soziale Strukturen und agency gleichermaßen herstellen. Barnes z. B. fasst agency als eine durch und durch kollektive Errungenschaft (Barnes 2001, 349). Menschen haben demnach keine „individual agency“ im Sinne einer personalen Eigenschaft. Eine ontologische, wesensbezogene Vorabdefini- tion von Menschen wird damit abgelehnt – also z. B. ihre Ausstattung mit bestimmten, individuel- len „capabilities“. Im Mittelpunkt von Barnes’ An- satz stehen die alltäglichen Praktiken und Prozesse des „voluntaristic discourse“, in denen sich Men- schen als verantwortlich Handelnde herstellen. Ein „responsible agent“ zu sein, ist damit der grundle- gende soziale Status, den Mitglieder einer Gesell- schaft normalerweise innehaben. Dadurch können sich Menschen gegenseitig als Wesen wahrnehmen, die einen Status als autonom Handelnde haben. Sie können sich auf diese Weise als sozial Handelnde gegenseitig identifizieren. Das ermöglicht ihnen, ihre gegenseitigen Erwartungen zu kommunizieren und die Handlungen anderer kausal zu beeinflus- sen (Barnes 1999, 2): „Human beings are not independent individuals; they are social creatures. More specifically, they are interdepen- dent social agents, who profoundly affect each other as they interact.“ (64) Agency entspringt demnach den alltäglichen Theo- retisierungsbemühungen interagierender Menschen (Barnes 2001, 340 ff.). Für die Betrachtung des So- zialen rücken damit nicht primär die Prozesse in- nerhalb des Individuums in den Mittelpunkt, ebenso wenig wie jene zwischen „Individuum und Gesellschaft“, „Subjekt und Objekt“, „agency und structure“. Vielmehr wird gefragt, wie agency als Teil kollektiver Errungenschaften in Gruppen, Hie- rarchien, Organisationen und Institutionen an Orten entsteht, an denen Zuschreibungen von Zu- rechenbarkeit („accountability“) und Verantwort- lichkeit („responsibility“) vorgenommen werden. Merkmale von Individuen, die in anderen, tenden- ziell realistischen und humanistischen Theorien auf „innere Kräfte“ oder „Eigenschaften“ zurückgeführt werden, lassen sich so voll und ganz in einer relati- vistisch-relationalen Perspektive in ihrer Sozialität rekonstruieren (Raithelhuber 2012). Eine solche Betrachtung nimmt die interaktive Basis von „col lective agency“ in den Blick und begreift agency monistisch, d. h. jenseits eines vermittelten Dualis- mus von structure und agency. Agency als Medium der Sozialpolitik Die Thematisierung von agency hat seit den 1990er Jahren auch in der Betrachtung und Bestimmung von gesellschaftlichem Wandel zugenommen. Be- sonders gilt dies für Überlegungen zu einer Trans- formation der Moderne am Ende des 20. Jahrhun- derts.Nichtseltenbeinhaltengesellschaftstheoretisch orientierte Überlegungen Vorschläge dazu, wie an- gemessen (sozial-)politisch auf die wahrgenomme- nen Veränderungen reagiert werden soll – z. B. mit einer Politik des Dritten Weges (Giddens 1999) und Giddens’ „Politik der agency“ (Raithelhuber 2012, 145; Giddens 2001, 118–121; Giddens 1999, 136-145). Kritische Beiträge zur Wohlfahrts- thematik reagieren hierauf u. a., indem sie sich mehr und mehr mit agency-Theorien und deren Bedeutung für die Sozialpolitik auseinandersetzen (Ziegler 2008; Deacon 2004). Häufig gehen diese Ansätze grundsätzlich davon aus, dass die agency von Individuen und sozialen Gruppen (z. B. die agency der „Armen“, der „Frauen“) gestärkt werden muss, weil dies für einen angestrebten sozialen Wandel als zentral erachtet wird. So sieht z. B. der Weltentwicklungsbericht 2006 Unterschiede in der agency von Individuen in einem engen Zusammenhang mit sozialen Un- gleichheiten. Individual agency wird hier definiert als (World Bank 2005, 5, 49) „the socioeconomically, culturally, and politically determi- ned ability to shape the world around oneself. […] Agency refers to people’s capacity to transform or repro- duce […] societal institutions.“ Aus globaler Perspektive unterscheiden sich Indivi- duen demnach im großen Maße hinsichtlich ihres Vermögens und ihrer Macht, ökonomische, sozio- kulturelle und politische Prozesse zu beeinflussen, die mit sozialen Ungleichheiten zusammenhängen. Diese „inequalities of agency“ werden dabei als Teil der Gelegenheitsstrukturen von Menschen begrif- fen. Sie sind auch entscheidend dafür, warum sich Ungleichheiten im zeitlichen Verlauf fortschreiben.
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