Handbuch 5. Auflage

Ganztagsbildung 501 mit dem aber kein exklusiver Theorieanspruch ver- bunden wird: Er ist nicht gegen irgendetwas ge- richtet, sondern steht für etwas, nämlich für die Förderung von Bildung und Erziehung und den Abbau von Benachteiligungen aller Kinder und Jugendlichen. Bildungspolitischer Ausblick In politischer Hinsicht geht es um nichts Geringeres als um die Entwicklung von Handlungsbefähigung und um die Sicherstellung von Verwirklichungs­ chancen unter der Prämisse von Wohlergehen in ei- ner positiven Auffassung von Freiheit, um Kinder und Jugendliche in die Lage zu versetzen, ihren sub- jektiven Vorstellungen von einem guten Leben in einem erweiterten Optionsrahmen nachgehen zu können. Hierfür gilt es, neue Ansätze durch eine in- novative und zugleich verfügbare Bündelung von Lern-, Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungsmög- lichkeiten zu schaffen. Mit dem Konzept der „Ganz- tagsbildung“ wird eine bildungstheoretische, -öko- nomische und -politische Diskussion forciert, die das Primat der individuellen Entwicklung mit einer neuen, Gerechtigkeit begründenden Definition von Fähigkeiten und Möglichkeiten für Kinder und Ju- gendliche verbinden will. Arbeitsteilige Bildung im Kindes- und Jugendalter Wie kann „ganztägige Bildung“ von Kindern und Jugendlichen konzeptionell begründet und ggf. in- stitutionell-praktisch ausgestaltet werden? Im Kon- zept der „Kommunalen Jugendbildung“ (Coelen 2002a) wird als Antwort auf diese Frage vorgeschla- gen, dafür das Verhältnis von schulischer und außer- schulischer Pädagogik auf eine differenzorientierte Grundlage zu stellen, welche sich sowohl auf einen gemeinsamen Sozialraumund eine daran gebundene Identität bezieht, als auch an deren Entwicklungen mitwirkt. In der Bezeichnung „Kommunale Jugend- bildung“ werden somit der schulische Bildungsauf- trag als auch der Bereich der außerschulischen Ju- gendbildung aufgenommen und beide unter einem lokalen Bezug verbunden. Als Kurzform dieses An- satzes ist dann das Wort „Ganztagsbildung“ (Coelen 2002b) in die Debatte eingeflossen. Identitätsbildung in einer kommunalen Öffentlichkeit Die Problemstellung ist, inwiefern sozialraumbezo- gene Identitätsbildung von Kindern und Jugend- lichen durch eine institutionell ausdifferenzierte, stadtteil- oder gemeindeorientierte Pädagogik auf- genommen und befördert werden könnte, sodass u. a. Schule und Jugendarbeit gleichwertig neben- einander – möglicherweise miteinander – in einer kommunalen Öffentlichkeit bestehen können. Die Hintergrundthese dieses Ansatzes lautet: Die Bil- dung dessen, wovon man in der (politischen) Öf- fentlichkeit ausgeht und ausgehen muss, nämlich vom mündigen und entscheidungsfähigen („gebil- deten“) Bürger, findet vor allem auf kommunaler Grundlage und mit der Perspektive einer kom- munalen Öffentlichkeit statt (Greverus 1987; Honneth 1993; Löw 2001; Richter 2001). Der Gedankengang des Konzepts nimmt seinen Aus- gangspunkt in den bestehenden Institutionen schulischer und außerschulischer Pädagogik sowie den sie betreffenden Debatten und verläuft dann zu den lebensweltlichen Grundfragen nach dem Zusammenhang von (raumbezogener) Identitäts- bildung und (kommunaler) Öffentlichkeit unter den Bedingungen eines demokratischen Rechts- staats mit kapitalistischer Wirtschaftsweise. Die praxisbezogene Perspektive ist eine Kommunale Kinder- und Jugendbildung in arbeitsteiliger oder vereinsrechtlicher Trägerschaft. Wenn aber eine „Jugendbildung“ in Kooperation von Schulen und Jugendeinrichtungen entworfen werden soll, muss zunächst auf die lange und wirkmächtige Tradition der wechselseitigen Abwertung dieser Erziehungs- und Bildungsinstitutionen eingegangen werden, um dann im zweiten Schritt anhand einiger – z.T. impliziter – Analogien nach Elementen für eine gemeinsame Grundlegung zu suchen. Hemmnisse der Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schule Die Analyse des historisch gewachsenen wie aktu- ellen Verhältnisses von schulischer und außerschu- lischer Pädagogik lässt nur wenige Versuche einer gemeinsamen Fundierung erkennen. Vielmehr de- finieren sich die beiden Bereiche in mehr oder we- niger deutlicher Abgrenzung voneinander. Selbst

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