Handbuch 5. Auflage

508  Gefühle, Emotionen, Affekte Von Burkhard Müller Haben Gefühle, Affekte und Emotionen etwas mit Sozialarbeit und Sozialpädagogik zu tun? Die Be- griffe scheinen eher in die Zuständigkeit der Psy- chologie zu verweisen. Dem Anschein nach be- schäftigt sich die Theorie Sozialer Arbeit auch wenig mit Gefühlen und Affekten, während ihre Praxis ebenso offenkundig unvermeidlich und ständig mit ihnen zu tun hat. Es ist möglich, dass hier ein Missverhältnis vorliegt. Verwissenschaftli- chung und Selbstreflexion zielen auf rationale Auf- klärung des sozialpädagogischen Arbeitsfeldes. Aber die Frage nach der Art der „Empfindsamkeit“ der sozialpädagogischen Vernunft (Niemeyer 1993) meldet sich spätestens zurück, wenn die sozialpäd­ agogischen Akteure erkennen, dass Gefühle und Affekte nicht nur ihr Adressatenfeld mit bestim- men, sondern sie selbst darin verstrickt sind. Vorweg zu den vorgegebenen Titelbegriffen: Es wird im Folgenden, wie im Alltagsgebrauch, nicht ge- nauer zwischen Gefühlen und Emotionen unter- schieden. Man kann Gefühle , im Unterschied zu Kognitionen, als „wertende Stellungnahmen“ und als „ganzheitliche und übergreifende, auf Evidenz und Handlungsorientierung bezogene Haltungen“ verstehen, die „intersubjektive Handlungsbezüge strukturieren“ und „prägende Kontexte, Atmosphä- ren“ bilden. (Brumlik 2000, 197f.). Solche Haltun- gen können dann „moralische Gefühle“ genannt werden, wenn sie „aus Annahmen über die Güte von Personen und ihren Eigenschaften bzw. der Gerech- tigkeit ihrer Handlungen stammen“ (Brumlik 2000, 198). Der Begriff moralisches Gefühl bezieht sich nicht auf bestimmte (z.B. humanistische) Morali- tätskonzepte, sondern umfasst alle „Orientierungs- gefühle“ . Agnes Heller (1981, 114ff.) versteht da- runter „ jedes Ja-Gefühl oder Nein-Gefühl“ (114, Hervorhebg. im Orig.). „Mit ihrer Hilfe orientieren wir uns an dem, was unsere Umgebung oder wir selbst für gut und böse halten, bewerten dem ent- sprechend die jeweilige Situation und motivieren uns zu Handlungen, die mit unseren moralischen Gewohnheiten in Einklang stehen“ (Schmid-Noerr 2003, 40). Ob solche moralischen Intuitionen nur gesellschaftlich geprägt sind oder auch genetisch be- stimmt, wie manche Hirnforscher meinen nach- zuweisen, sei hier dahingestellt. Der Begriff der Emotion (wie der des Affektes ) schließt unbewusste und körperliche Reaktionen mit ein. „Der weiter gefasste Begriff der Emotion fasst darüber hinaus die leibliche Grundierung und expressiv-kommunikative Funktion von Gefühlen“ (Brumlik 2000, 197). Auch die neuere Hirnfor- schung bestätigt eine solche Grundierung des Füh- lens, wie auch des Denkens. Emotionen sind aber nicht nur körperliche Erregungszustände – und Gefühle ihre Verstandesdeutungen – „sondern sind eigenständige Verarbeitungsformen der sozialen Wahrnehmung“ (Schmid-Noerr 2003, 48). Als (subjektive) Gefühle, sind sie aber immer zugleich mit Verstandestätigkeit eng verwoben: „Gefühle ohne Verstand (Intentionalität, Urteilen, Schlie- ßen) sind ebenso unmöglich, wie Verstand ohne Gefühle (Werten, Entscheiden)“ (Schmid-Noerr 2003, 48). Der Begriff des Affektes wird im Folgenden, eben- falls nahe am Alltagsgebrauch, primär für diejeni- gen Gefühle bzw. Emotionen verwendet, die der Kontrolle von Akteuren entgleiten und sie dazu bewegen, etwas Anderes zu tun bzw. auf andere Weise zu tun, als sie es wollen oder zu bewirken glauben. Affekte sind demnach Emotionen oder Erregungen, die Menschen eher erleiden oder die ihnen zustoßen, als dass sie ihren Werthaltungen direkt entsprechen. Das Wort Affekt drückt zu- mindest eine Spannung zwischen beidem aus. Der Affektbegriff bezieht sich zugleich auf diejenigen Emotionen, deren Gefühlsanteile eher verdeckt und mehr oder weniger unbewusst bleiben – ohne Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art047, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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