Handbuch 5. Auflage

52 Raithelhuber / Schröer  Solche Überlegungen knüpfen an das evaluations- bezogene „opportunity structure and agency frame- work“ an (Petesch et al. 2005; World Bank 2005, 70, Fußnote 2). Ein wichtiges Fundament hierfür bildet der Capa- bility Approach von Amartya Sen, in welchem dem agency-Konzept eine zentrale Stellung zukommt (Sen 1985; Sen 1999). Beiträge aus dem Umfeld der Weltbank begreifen agency dabei als Herzstück des Empowermentgedankens, der für eine Antwort auf die Top-down-Ansätze in der Entwicklungsar- beit gehalten wird. Agency wird hier als die Fähig- keit des Individuums verstanden, strategische Ent- scheidungen zu fällen und Kontrolle über jene Ressourcen auszuüben, die sich in entscheidendem Maße auf Ergebnisse im Lebensverlauf und auf die Lebensqualität auswirken (Malhotra / Schuler 2005, 73). Auf der Mikroebene wird dementsprechend Selbstwirksamkeit als ein entscheidender Faktor da- für erachtet, dass Menschen „agents of change“ sein können. Interventionen auf verschiedenen Ebenen sollen dazu dienen, eben diese agency hervorzubrin- gen oder zu „vergrößern“, z. B. durch die Förderung von Partizipation, Empowerment oder Emanzipa- tion. Sens wohlfahrtspolitischer Ansatz hat über den ei- gentlichen Entwicklungsfokus hinaus auch in der sozialpolitischen und sozialpädagogischen For- schung und Theoriebildung an Bedeutung gewon- nen (z. B. Leßmann et al. 2011; Walker /Unterhal- ter 2007). „Human development“ wird darin als jener Prozess definiert, in dem sich die realen Frei- heiten, die Menschen genießen, erweitern (Drèze / Sen 2002, 6; Hervorhebungen i.O.): „The [capability] approach […] is essentially a ‚people- centered‘ approach, which puts human agency (rather than organizations such as markets or governments) at the centre of the stage. The crucial role of social opportu- nities is to expand the realm of human agency and free- dom , both as an end in itself and as a means of further expansion of freedom.“ Zentral ist dabei die Vorstellung von konkret nutz- baren Handlungsmöglichkeiten (capabilities = well- being freedoms), die Menschen für bedeutend er- achten, um entsprechend ihrer eigenen Konzeption eines guten Lebens für wertvoll erachtete Tätigkei- ten und Seinsweisen (functionings = beings and doings) ausführen und erlangen zu können (indivi- duelle Ebene) (Sen 1985, 204). „Agency freedom“ wird dabei als grundlegend notwendig erachtet, da- mit Menschen überhaupt Initiative ergreifen und sozial wirksam werden können (Sen 1999, 18 f.). Sen sieht agency als durch die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Gelegenheiten bestimmt und gleichermaßen begrenzt, die für den Einzelnen ver- fügbar sind (Sen 1999, xii). Kritiker bemängeln, dass das Konzept agency in Sens eigenen Schriften nur unzureichend ausgearbeitet ist und soziolo- gisch unterbestimmt bleibt (Zimmermann 2006, 474; Gasper 2002, 451). Agency als theoretische Reflexions- folie in der Sozialen Arbeit Im Bereich der Sozialen Arbeit haben sich verschie- dene Beiträge damit beschäftigt, eine Perspektivie- rung von agency im Kontext relationaler Theorien vorzunehmen. In Absetzung zu anderen jüngeren Beiträgen (z. B. Stauber et al. 2011; Grundmann 2008) hat dabei Scherr argumentiert, dass es nicht darum gehen kann, die Idee von Handlungsfähig- keit auf der Grundlage subjekttheoretischer Grund- annahmen erneut zu behaupten. Mit Verweis auf Emirbayer und Mische (Emirbayer /Mische 1998) fordert er, die Vorstellung von Subjekthaftigkeit so- zial zu relationieren. Die Bedeutung von agency- Ansätzen müsse gerade darin gesehen werden, dass agency damit als sozial voraussetzungsvolles, situier- tes Phänomen betrachtet werden kann. Seine inter- aktionale Hervorbringung muss demnach im Kon- text temporal-relationaler Ansätze zurUntersuchung des Sozialen rekonstruiert werden (Scherr 2012, 234): „Wenn es um die Bestimmung von Agency geht, kann nicht von der vorgängigen Existenz von Individuen oder Gruppen mit bestimmten Eigenschaften, Fähigkeiten, Inte- ressen usw. ausgegangen werden, sondern es ist zu unter- suchen, wie Akteure ihre jeweiligen Identitäten, Motive, Absichten und damit ihre jeweilige Handlungsfähigkeit in Abhängigkeit von ihrer Situierung in sozialen Strukturen bzw. soziale [sic] Beziehungen hervorbringen.“ Im Kontext einer sozialwissenschaftlichen Subjekt- theorie formuliert liegt die Aufgabe demnach da- rin, die Idee von der Handlungsfähigkeit des Sub- jekts als die Frage danach zu formulieren, wie

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