Handbuch 5. Auflage

510 B. Müller  Wodurch werden Gefühle zum sozialpädagogischen Problem? Die Geschichte der sozialpädagogischen Disziplin und Profession ist die Geschichte des Versuchs, über ein Handeln aus dem „guten Herzen“ hinaus- zukommen. Jeanette Schwerin (1911) verspottete solches Handeln als „ein durch kein Verständnis ge- leitetes und beherrschtes Gefühl der Unbehaglich- keit beim Anblick Leidender“. Was also hat die So- zialpädagogik als Disziplin und Profession zu leisten um die Gefühlsdimension ihres Handelns von „Ver- ständnis geleitet und beherrscht“ sein zu lassen? Liest man die Professionalisierungsgeschichte im Horizont dieser Frage so kann man sagen: In der Pionierphase dieser Geschichte, die man summa- risch als Professionalisierung durch Methodenent- wicklung bezeichnen kann (Galuske 1998, Kap. 2), waren die Gefühle von Klienten im Fokus der Auf- merksamkeit. Insbesondere wo Psychoanalyse als Hilfswissenschaft Sozialer Arbeit herangezogen wurde (Müller 1989), zentrierte sich diese auf die Aufgabe, an den Spannungen zwischen Gefühlen, als bewusste „wertende Stellungnahmen“ und Af- fekten, als ungewollt gegen eigene Ziele wirkende, zu arbeiten. Immer aber nicht im Sinne einer „ten- denzlosen Psychoanalyse“ (Freud), welche die Art der Lebensführung dem Klienten überlässt, son- dern mit dem Ziel einer „Führung“ im Sinne Salo- mons, welche die individuellen Lebens- und Ge- fühlslagen der Klienten mit den moralischen Intuitionen der Helfenden harmonisieren sollte. Nur selten kamen dabei die Konflikte zur Sprache, in die dabei auch die Gefühle der Helfenden gera- ten konnten. Die Professionsentwicklung, die sich mit Beginn der 1970er Jahre im Programm einer „neuen Pra- xis“ konturierte, stellte solche Ansätze unter den Generalverdacht „sanfte Kontrolleure“ auszubil- den, und dabei die entscheidenden Dimensionen einer Kritik der Sozialarbeit des „guten Herzens“ zu vergessen: Nämlich a) die Kritik der institutio- nellen, der sozialpolitischen, der ökonomischen Machtverhältnisse, die ebenfalls „hinter dem Rü- cken der Akteure“ deren Werthaltungen steuern und deshalb aufgeklärt werden müssen und b) die Kritik an einer Bevormundung von Klienten am Maßstab eigener (mittelschichtorientierter) mora- lischer Gefühle bei einer Diskriminierung anderer Wertorientierungen. Im Fokus der kritischen Ana- lyse standen jetzt nicht mehr die Gefühle und Af- fekte der Klienten, sondern die unter Ideologiever- dacht gestellten Gefühle der Sozialpädagogen selbst. Die Analysen der strukturellen Kräfte, die auf soziale Arbeit einwirken (kapitalistische Pro- duktionsbedingungen, Bürokratie, Expertenherr- schaft, Ökonomisierung institutioneller Rahmun- gen bis hin zur Rolle sozialer Arbeit im Netzwerk gouvernmentaler Steuerungsprozesse) lassen sich immer auch als Kritik von Illusionen lesen, welche glauben machen, die „moralischen Gefühle“ der Sozialpädagogen seien unmittelbar kraft ihrer Per- sönlichkeit wirksam und nicht gesellschaftlich ver- mittelt und in ihrer Intention gebrochen. Eher flankierend gehören hierher auch die Dis- kurse über das „Helfersyndrom“ (Schmidbauer 1983) und die kritische Analyse des Prinzips „Selbstbetroffenheit“ (Richter 1976). Sie sind ex- plizit als Aufforderungen zur kritischen Analyse der eigenen affektiven Strukturen der Sozialarbei- ter-Persönlichkeit zu lesen und als Aufforderung, die Kultur der Affekte, die A. Mitscherlich „das eigentlich schwerste Bildungsziel nannte“ (zit. nach Göppel 2003), zu allererst auf sich selbst an- zuwenden. Abgesehen von den letztgenannten Beiträgen konnte diese kritische Wende auch so verstanden werden, als ob die Gefühls-Seite sozialpädagogi- schen Handelns überhaupt kein relevanter Ge- genstand sozialpädagogischer Theoriebildung sei. Dies mag ein Missverständnis sein. Denn Leiden- schaft für die Autonomie der Adressaten, wenn auch nicht immer reflektierte, war dieser Kritik notwendig inhärent und auch sie war ideologie- kritisch zu hinterfragen. Dennoch zeigte der „Psy- choboom“ (Galuske 1998, 121 ff.), der seit den 1980er Jahren eine Fülle von therapeutischen, d. h. immer auch gefühlsverarbeitenden Metho- den in die sozialpädagogischen Aus- und Fortbil- dungen schwemmte, dass sich im Selbstverständ- nis der Zunft an dieser Stelle, wenn nicht ein „schwarzes Loch“ (Galuske 1998, 121), so doch ein Graben zwischen sozialpädagogischer Theo- riebildung und faktischer Handlungsorientierung auftat. Und seit letzteres Gegenstand empirischer Studien ist (Thole / Küster-Schapfl 1997), wächst der Verdacht, dass eine auf therapeutische Kon- zepte reduzierte Handlungsorientierung noch das kleinere Übel sein dürfte. Als größeres wird eine weit verbreitete Pseudoprofessionalität sichtbar,

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