Handbuch 5. Auflage
Gefühle, Emotionen, Affekte 511 die zwar Versatzstücke jener Kritik als berufstypi- schen Code benutzt, faktisch sich aber an zufällig und biographisch erworbenen Erfahrungen und an einem eher selektiv einsetzbaren und leicht er- müdenden guten Herzen orientiert. Lebensweltorientierung als Klammer von Gefühl und Kritik Bei der Aufgabe, jenen Graben zu schließen (nicht zwischen Theorie und Praxis, sondern zwischen ei- ner gesellschaftstheoretischen Kritik und einem pragmatisch ins Spiel bringen der sinnlichen Erfah- rung und des gefühlten Engagements), haben zwei Theorietraditionen der Sozialpädagogik besondere Bedeutung. Die eine ist die vor allem mit dem Na- men Hans Thiersch verbundene „lebensweltorien- tierte Sozialpädagogik“, die zugleich auf ältere Tradi- tionen (Pestalozzi, Nohl, Bernfeld) zurückverweist. Die andere ist die Tradition einer wieder belebten psychoanalytischen Pädagogik, die sich weder am amerikanischen psychoanalytischen Case Work ori- entierte, noch als Heilpädagogik verstand, sondern an den breiten Horizont der Pioniere psychoana- lytischer Pädagogik (Bernfeld, Redl, Paul und Ernst Federn, Bettelheim, Eckstein, Zullinger) anknüpfte, aber auch an die analytische Sozialpsychologie und an die für sozialpädagogische Perspektiven offenen neueren Konzepte einer Psychoanalyse des sze- nischen Verstehens (Lorenzer) und der Objektrela- tionen (Winnicott, Kohut). Beide Diskurslinien sind eher als allgemeiner methodologischer Rahmen denn als spezielle Methode zu verstehen. Auch der beliebte Begriff des professionellen Habitus zielt so allgemein auf die Einheit von professionellem Wis- sen und emotionaler Entscheidungsfähigkeit. Aber er fasst dieses Verhältnis nur formal und erschließt nicht die besonderen strukturellen Herausforderun- gen des sozialpädagogischen Handlungsfeldes. Die Art wie die Lebensweltorientierte Soziale Ar- beit die Gefühlsdimension ins Spiel bringt, be- steht zunächst einmal in ihrem Pragmatismus. Sie fordert ein sich Einlassen auf die Kontingenz all- täglicher Berufsvollzüge, das zugleich „offen ist für Erfahrung, Handlungs- und Denkzugänge, die seiner (des Alltags B.M.) Struktur zuwider- laufen“ (Thiersch 1978, 22). Den Blick für die „Bruchstellen“ (18), auch für die „Ambivalenz der Professionalisierung“ (22) zu schärfen, ohne doch die „im Alltag angelegten progressiven Momente einer selbstbestimmten, sich selbst transparenten Praxis“ (23) zu übersehen, ist insbesondere auch auf die moralischen Gefühle der Sozialarbeiter wie der Adressaten zu beziehen: auf „die Wirk- lichkeit der je eigenen Erfahrungen, der eigenen Anstrengungen, Enttäuschungen, Hoffungen“ (10). Dies kann nur in einer selbstkritischen Wendung gegen die „Formen von Institutionali- sierung, Verwissenschaftlichung, Professionalisie- rung“ (10) gelingen. Da diese jedoch zugleich den jeweils vorfindlichen Zugang zur Lebenswelt der Klienten bilden, ist dies „immer auch ein mora- lisch riskanter Balanceakt“ (21). Er soll jene For- men des Zugangs nicht abschaffen, sondern für das Aushandeln moralischer Gefühle, für „mora- lisch inspirierte Kasuistik“ (Thiersch 1990) öff- nen. „Moralisch inspiriert“ muss sozialpädagogi- sche Kasuistik deshalb sein, weil sie ihre Produktivität vor allem in der Verarbeitung von Ungewissheit zeigen muss (Hörster 2003). Ins- besondere kann die zentrale moralische Entschei- dung sozialer Arbeit, wann „Hilfe“ und wann „Selbsthilfe“ gefordert ist, nur Kraft moralischer Intuition, als Gefühlsentscheidung, getroffen werden. Alle Reflexion kann dafür nur kritische Begleitung aber keine Gewissheit und Entschei- dungskraft liefern. Für das Thema Gefühle bleibt festzuhalten: Lebens- weltorientierung ist keine spezielle Methode des sich Einlassens auf Verhältnisse und des Aushan- delns moralischer Gefühle, auch keine spezifische Art der Kritik des „guten Herzens“ oder inhumaner Strukturen. Es ist vielmehr eine metatheoretische Platzanweisung für beides. Seine zentrale Leistung besteht darin, eine Formel für die Einheit des „Pro- jekts Sozialpädagogik“ (Böhnisch et al. 2005, 95) anzubieten: Einerseits sich auf praktisch entgrenzte Probleme diffuser Gemengelage einzulassen – samt der dafür notwendigen Einmischung in andere Zu- ständigkeiten – ohne das Gefühl für die Einheit je- ner Probleme in den „Anstrengungen, Enttäu- schungen, Hoffnungen“ der Menschen zu verlieren. Andererseits die damit verbundenen entgrenzten Herausforderungen in den theoretischen Blick zu nehmen, aber dies zugleich an den Maßstab der Dienlichkeit für den Beistand im Alltagskampf zu- rückzubinden. Hartmut v. Hentig hat zur sokratischen Frage nach dem lebenswerten Leben seinerseits gefragt, ob dies
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